FOG

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Mit FOG hält der Leser das Konzentrat der gleichnamigen Internetplattform in der Hand. Diese veröffentlicht dokumentarische Arbeiten, die nicht durch Werbung, sondern ausschließlich durch den Leser finanziert werden. Ein Abonnement oder der Kauf des jährlich erscheinenden Magazins ermöglicht ein Jahr lang den Zugriff auf alle Inhalte der Seite. Das ist eine tolle Verknüpfung von Print und Digital, aber lohnt das Heft denn auch?

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Diese Frage kann nur mit einem klaren Ja beantwortet werden. Die Fotoserien, Interviews und Reportagen zeugen alle von hoher Qualität und einer Freiheit, die eine verlagsgebundene Redaktion so wohl nicht bieten kann. Ob Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) deutscher Bundeswehrsoldaten, ein fotografischer Streifzug durch die Rotlichtmilieus Südostasiens, der Plattenbau der DDR oder die beeindruckenden Portraits südafrikanischer Müllsammler: FOG ist ein wilder, nicht immer schöner Ritt durch die Welt. Damit diese auch was davon hat, erscheinen die Texte immer mit englischer Übersetzung.

Wo sonst seitenweise Fotografen und Autoren vorgestellt werden, halten sich hier die Macher angenehm im Hintergrund. Die Story ist der Star – und der hat sich (noch) nicht kaufen lassen, denn das Heft erscheint komplett werbefrei. So kann man sich voll und ganz auf die Artikel konzentrieren, ohne zwischendurch über den Kauf eines Neuwagens oder Handys nachzudenken. Außergewöhnlich ist ebenso das Querformat des Magazins, das man ja auch nicht allzu häufig in der Hand hält.

Bleibt das Fazit: Den eigenen Anspruch “Schnittstelle des Dokumentarischen und Künstlerischen” zu sein, erfüllt FOG auf ganzer Linie.

Warum soll ich das lesen?
Weil Du damit tatsächlich guten Journalismus unterstützt, anstatt immer nur davon zu reden.

Risiken und Nebenwirkungen
Etwas getrübte Stimmung. Aber so ist die Welt nunmal. Komm damit klar!

> FOG online

Florian Tomaszewski

Lettre International

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“Aus der Hand” nennt Eva-Maria Schön ihre Fotogramme. Darin trifft Fotografie auf Malerei. Eine ganze Serie dieser nachbearbeiteten Aufnahmen erstreckt sich über die großformatigen Seiten der 109. Ausgabe von Lettre International. So leicht gibt man dieses Magazin in fast Doppel-A4-Format und mit beinahe 150 Seiten dann auch nicht mehr aus den eigenen Fingern. Denn wo andere sich abmühen, müßig im Sommer bloße Löcher zu füllen, nutzt Europas Kulturzeitung diesen weiträumigen (Spiel-)Platz. Die Bandbreite reicht dabei von Neandertaler bis Houellebecq, Grass zu Twitter. Von Grausamkeit zu Menschlichkeit, von kindlicher Psyche bis zum finalen suizidalen Akt.

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Und macht auch vor den Grenzen Europas nicht Halt: So setzt das Heft – angenehm unaufgeregt und der Zeit enthoben – Brasilien als den letztjährigen Verlierer der Fußball-WM noch einmal in wirklich sehenswerte Bilder. Das Titelfoto sowie die im Heft immer wieder auftauchenden prächtigen Kostüme, die der peruanischen Folklore entstammen, hat Fotograf Juan Manuel Castro Prieto festgehalten. Sie zeigen einen Maskentanz des Teufels, das Gute gegen das Böse, und sieht man genau hin, entdeckt man bereits auf dem Titel im Maul des Ungetüms einen lachenden Mann.

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Daneben widmet sich die Sommerausgabe – wieder aus gereifter Distanz – den Spekulationen um Osama bin Ladens Tod. Und damit verbunden der Hoffnung auf ein neues Afghanistan und positiven Veränderungen bei unseren “explosiven Nachbarn” im Osten und Süden. Seit 1988 erscheint das Heft im Vierteljahrestakt aus der Berliner Redaktion heraus in die ganze Welt. Neben der deutschen gibt es Ausgaben in italienischer, spanischer, ungarischer, rumänischer und sporadisch auch dänischer Sprache. Lettre International will ein Fest der Kreativität sein, aber auch eine Oase geistiger Freiheit, ein Ort der Gastfreundschaft, manchmal sogar ein Panorama aller Kulturen.

Das schlägt sich nieder in der Themenvielfalt, in den Reportagen, Fotoarbeiten, Essays und der Lyrik. Und diese Vielfalt ist allein schon offensichtlich in der Liste der Künstler, Autoren und Fotografen, die zu dieser Ausgabe beigetragen haben: Ganze zwei Seiten ist sie lang.

Warum soll ich das lesen?
Willst Du der Gefahr eines plötzlichen Sommerlochs trotzen, dann nimm Dir ein Heft von Format vor!

Risiken und Nebenwirkungen
Achtung: Verletzungsgefahr! Für sich Wind zufächeln ist Letter International wenig geeignet.

> Lettre International

Manuel Niemann

Bricks Culture

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Lego ist nicht nur Spielzeug. Lego hat sich zu einem Ausdrucksmittel für Erwachsene (und natürlich Kinder) entwickelt, um technische und künstlerische Grenzen auszuloten. Und um seine Lieblingsszenen aus Star Wars nachzustellen, natürlich. Lego ist, kurz gesagt, ein Hobby, für das sich ein erwachsener Mensch mit Familie und Sozialleben nicht mehr schämen muss. Und diese Menschen bezeichnen sich als AFOLs (Adult Fans of Lego). Gerade im Internet hat sich seit Beginn der Nullerjahre eine Szene entwickelt, die sich zum Thema organisiert, austauscht und seine Kreationen zeigt.

Dabei sind oft grandiose Sachen dabei. Riesige Schlachtengemälde, Raumkreuzer oder nachgestellte Filmszenen, die es so in keinem Set zu kaufen gibt. Höchste Zeit, dass dieser bunten Gemeinschaft ein Magazin gewidmet wird, und dieses Magazin ist das englischsprachige Bricks Culture. Es braucht sich auf keinem Coffee-Table zu verstecken, ist stylish und glänzt durch seine Bilderstrecken. Es geht mit den Protagonisten der Szene ins Gespräch, hat also auch Substanz zu bieten. Und am allerwichtigsten: Es zeigt, wie verdammt schön diese bunten Steine sein können, mit denen wir als Kinder oft nur mittelmäßige Raumschiffe (Strandhäuser, Monster, Rennwagen) hinbekommen haben.

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Das Ganze ist ästhetisch so gut, weil vor allem die Bilderstrecken so herausstechen. Damit wird es eigentlich für jeden interessant, der sich für Optik interessiert. Und das tun wir doch alle, oder? Und weil es eine erwachsene Zielgruppe anvisiert, nimmt Bricks Culture das Thema auch entsprechend ernst. Ein Artikel über die noch junge Produktreihe Friends (die Lego explizit an die Zielgruppe Mädchen richtet) andererseits gibt Anlass, einmal über Geschlechterrollen nachzudenken. Oder sich das Thema für die Abschlussarbeit Sozialwissenschaften anzueignen. Es steckt tatsächlich viel drin in den roten, gelben, blauen Steinen. In diesem Magazin auch. Ja, es bleibt ein Heft über Spielzeug und ja, nicht jeder steht auf Spielzeug. Aber für einen gewissen Spieltrieb sind wir doch nie zu alt.

Warum soll ich das lesen?
Deine alten Steine hast Du damals auf dem Flohmarkt verscheuert? Lass die Leidenschaft aus Kindheitstagen mit einem Magazin wieder aufleben. Eine Ersatzhandlung, sozusagen.

Risiken und Nebenwirkungen
Passives schlägt in aktives Interesse um. Das kann dann schon teuer werden, wenn Du Dir zum Einstieg den Todesstern zulegen möchtest. Die Macht ist stark in diesem da.

Wir haben auch das Schwesternmagazin Bricks besprochen. Es geht weniger auf die Fan-Kultur ein und richtet seinen Schwerpunkt auf aktuelle Entwicklungen und offizielle Veröffentlichungen aus dem Hause Lego.

Die zweite Ausgabe von Bricks Culture ist erschienen.

> Bricks Culture online

Sven Job

Mal’s dir aus – Ausmalheft für Erwachsene

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Es war einer der Momente, bei dem ich dachte: “Wann habe ich das wieder verpasst?”, als ich vor einigen Monaten die Treppe eines großen Hörsaals meiner Uni herunterlief und dabei bemerkte, wie dutzende Studentinnen Malbücher ausmalten. Vereinzelt konnte ich das schon früher beobachten, im Zug oder in einer Arztpraxis. Aber seit einigen Monaten scheint das altbekannte Neonleuchten der Laptop-Äpfel zunehmend abgelöst zu werden vom Geräusch hin und her rutschender Buntstifte.

Schlüssig ist es da, dass man nicht mehr nur auf die Kinder-Malbücher zurückgreifen muss und jetzt mit Mal’s dir aus eine international-europäische Magazinpublikation erschienen ist, die das Ausmalen für Erwachsene aufgreift. International ist hier natürlich einfacher als bei anderen Zeitungsformaten, wo Übersetzungen aufwendig und teuer sind. Die Bilder muss man nicht übersetzen, nur ausmalen.

Auf dem Papier, das zur Verwendung kommt, macht das Ausmalen richtig Spaß. Die Bilder sind teilweise sehr detailliert. So detailliert, dass man an jedem viele Stunden verbringen kann. Von abstrakten Formen und Mandalas bis zu Landschaften und Objekten reicht die Bandbreite. Ausdauer und Konzentration sollte man also vielleicht schon mitbringen, das erklärt auch die ältere Zielgruppe. Weitere Erkentnisse ergeben sich aus dem Untertitel “Ausmalheft für Erwachsene“ leider nicht. Schade eigentlich. Wieso nicht in Zukunft auch Porno-Ausmalhefte?

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Wie lässt sich dieser Trend erklären?

Star der “Szene” ist Johanna Basford, die Millionen ihrer Malbücher verkauft hat. Aussagekräftiger als ein Interview mit ihr, sind die vielen Rezensionen, die man in den üblichen Onlineversandhäusern lesen kann. Dort wird dem Ausmalen von Bildern nicht nur einfach Zeitvertreib und damit verbundener Spaß zugebilligt. Das Ausmalen wird zum Yoga-Ersatz, gar zur Therapie, dank derer man keine Psychopharmaka mehr bedürfe (so einen Kommentar gibt es wirklich!).

Das Ausmalen als Praxis, die eine geheime Kraft entfaltet? Oder doch nur eine Alternative zum Sudoku?

Warum soll ich das lesen?
Je nachdem, wie sehr Du an das Ausmalen glaubst, kann also die Wirkung ausfallen. Vielleicht entgehst Du damit der Langeweile, vielleicht sogar den überschätzten Polio-Impfungen.

Risiken und Nebenwirkungen
Es gibt erste Berichte von Menschen, die über das Ausmalen das Essen vergessen haben sollen. Und Achtung: Die Tablet-Version soll das Display schnell zerkratzen. Papier gewinnt mal wieder!

Ulrich Mathias Gerr

Nicht Jetzt!

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Einen allzu guten Ruf hat das Wort “Mehr” leider nicht. Wird es doch verbunden mit Gier, Wachstum oder Ehrgeiz. Nicht besonders sympatisch also in Zeiten von Bescheidenheit, Nachhaltigkeit und Verzicht. “Mehr” ist böse. “Mehr” heißt immer: weniger für andere. Wir wollen mehr, dachten sich hingegen die Studierenden des Department Design der HAW Hamburg und widmen die fünfte Ausgabe des Nicht Jetzt!-Magazins genau diesem Thema.

Dabei setzen die Macher das Leitmotiv nicht nur inhaltlich, sondern auch gestalterisch konsequent um. Alle Texte findet man in englischer Übersetzung in einem Beiheft vor, ausgebreitet misst das Magazin fast einen Meter. Auch beim Design des Covers sollte wohl nicht gegeizt werden. Jedes Titelmotiv ist einzigartig und zeigt ein jeweils anderes Einzelbild, das einem experimentellen Film entnommen wurde.

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Inhaltlich deckt das Heft ein breites Themenspektrum ab, kein Wunder, lässt die Vorgabe “Mehr” doch einen ziemlich großen Spielraum. Wrestling, LSD, Siedler im Westjordanland, Ukraine, Obdachlose auf Sylt, ein bisschen Mode. Eigentlich von allem etwas, nicht immer ist der direkte Bezug dabei klar – eine strengere Eingrenzung hätte hier nicht geschadet, auch wenn dies dem Leitgedanken widersprochen hätte.

Wer mehr verspricht, der muss auch liefern. Gimme more!

Warum soll ich das lesen?
Mehr ist mehr.

Risiken und Nebenwirkungen
Das war auch Dein Motto bei der letzten Betriebsfeier, am nächsten Morgen gab es die Quittung. Ist manchmal weniger nicht doch mehr?

> Nicht Jetzt! online

Florian Tomaszewski

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