Cahiers

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Wer sich ein “Magazin zur Fotografie” zulegterwartet wahrscheinlich vor allem: Bilder. So überrascht auf den ersten Blick die Textlastigkeit von cahiers, eben weil viele Fotomagazine hauptsächlich Bilder zeigen und sich eine darüber hinausgehende Auseinandersetzung mit dem Medium kaum zutrauen. Diese Lücke schliesst cahiers, vom Masterstudiengang Fotografie der Fachhochschule Dortmund herausgebracht.

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Die Macher selbst erklären im Editorial zur zweiten Ausgabe, welches irritierenderweise mitten im Heft abgedruckt ist, die Leitidee des Magazins: Nämlich der Fotografie den Raum zu geben, den sie verdient. Dies gelingt, wenn auch mitunter sehr akademisch und eher für einen kleinen Kreis gedacht. Der Fotograf ohne theoretischen Background wird mit dem ein oder anderen Text Schwierigkeiten haben. Dass es jedoch nicht nur bierernst zur Sache geht, beweisen Beiträge wie “12 hilfreiche Regeln, um sich das Fotografieren abzugewöhnen” (“10: Waschen Sie sich nach jedem Foto die Augen aus”) oder die Fotoreihe “Vice”, die eigentlich ein Nebenprodukt der Fotografie darstellt und ein Lichtdouble im Einsatz zeigt. Ein Fotomagazin kann auch ohne nicht enden wollende Bildstrecken auskommen und diesen Titel trotz allem verdienen. Das beweist cahiers. Klick.

Warum soll ich das lesen?
Keine Praxis ohne Theorie. Und die liefert cahiers.

Risiken und Nebenwirkungen
Ein Foto ist ein Foto ist ein Foto.

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Florian Tomaszewski

Odiseo

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Hast Du’n Arsch im Gesicht, hast Du’n Arsch im Gesicht. Weiß jeder. Odiseo gehört zur jüngeren Welle von Freizeit-Magazinen, die sich nicht dem Radfahren widmen wollen, nicht dem Trimmen des Schnäuzers oder Häkeln von Lätzchen, nicht über Biotomaten oder Videospiele schreiben – sondern über Sex. Aber nicht nur ausschließlich – denn wie sind sonst Essays von Ingo Niermann (“Umbauland”) zu erklären oder von Joie Reinstein, in dem es um Gentrifikation geht?

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Davon abgesehen aber sind in Odiseo Fotostrecken abgedruckt, die wir früher – ähem – als geschmackvoll bezeichnet hätten. Dabei muss man aber eher an das denken, was B-Stars zu Protokoll geben, wenn sie im Eva-Kostüm ihren (schwarz-weiß geschmackvollen) Auftritt im Playboy haben. Das hier aber, das ist eine ganz andere Nummer. Auch wenn das Männermagazin am Ende von Odiseo noch ein kleines Feature hat. In dieses Zine (das sich mehr wie ein Buch anfühlt – lesen bildet!) darf man ruhig mal einen Blick riskieren. Besser ohne Arsch im Gesicht.

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Warum soll ich das lesen?
Hast Du Distinktion in der Hose, hast Du Distinktion in der Hose. War nur Spaß.

Risiken und Nebenwirkungen
Vielleicht gehst Du zum Masturbieren schon bald ins Museum. Wieder: nur ein Spaß.

> Odiseo online

Sven Job

Dislike – Magazin für Unmutsbekundung

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Vor Kurzem auf der Terrasse einer großen Kaffeeröster-Filiale: Hinter dem Verkaufstresen, für den Kunden normalerweise nicht sichtbar, ist ein Spiegel angebracht, an dem die Verkäuferinnen – es sind nur Frauen – andauernd vorbeihecheln müssen. Auf dem Spiegel steht: “So sieht der Kunde Sie.” mit einem Smilie darunter, der vermittelt: “Und so sollte er Sie sehen.” Die “Think Positive”-Kultur ist eben überall und dass es nur einen Like-Button gibt, aber keinen Dislike-Button, bringt diese Kultur auf den Punkt. Was wir nicht bemerken, das gibt es auch nicht. Ein Affe, der sich Augen, Mund und Ohren gleichzeitig zuhält.

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Das Schweizer Dislike-Magazin setzt genau hier an. “Wir kommen um uns zu beschweren” ist das Motto und dementsprechend der Untertitel: “Magazin für Unmutsbekundung”. Stilistisch ist das Heft vielfältig: Essays und Reportagen wechseln sich mit Streitschriften und Kurzgeschichten ab. Was von außen zunächst so schlicht wie eine akademische Vierteljahresschrift daherkommt, bietet drinnen mit vielen Fotos und Zeichnungen genug Eyecandy, um dem “Magazin” im Titel gerecht zu werden.

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Die behandelten Themen nerven genau so, wie es ja beabsichtigt ist: ein Besuch im künstlichen Tropenpark vor Berlin, eine Skizze der typischen Onlinekommentare bei Tageszeitungen und auch der Kapitalismus, dieser “alte Schlawiner” (PeterLicht). Schlechte Kunst und die seltsamsten Kosenamen für Geschlechtsteile: Der Spott ist da, aber er ist nett gemeint. Man hat ja auch immer Anteil an dem, was man nicht mag. Oder um es noch einmal mit Tocotronic zu sagen: “Und alles was wir hassen / seit dem ersten Tag / wird uns niemals verlassen / weil man es eigentlich ja mag.”

So sehr man die Themen nicht leiden kann, so sehr mag man die Artikel. Man kann es sich im “Grand Hotel Abgrund” eben auch sehr gemütlich machen. Ein intelligentes und unterhaltsames Magazin. Me like the Dislike!

Warum soll ich das lesen?
Das Motto “Think Positive” nervt und ist Selbstmanipulation. Also besser ein so gutes “Read Negative” wie hier.

Risiken & Nebenwirkungen
Da ist wieder der alte Widerspruch: Du bewertest einen Artikel mit “Gefällt mir” und meinst damit eigentlich das Gegenteil.

> Dislike Magazin online

Ulrich Mathias Gerr

Form – nach dem Relaunch

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Erst gab’s den knallharten Reality Check bei uns, jetzt den Relaunch seitens der Redaktion, welcher der Design-Zeitschrift mit großer und langer Tradition behutsam die Papierfalten entstauben soll. Na ja, wie so oft ist fast alles wahr, irgendwie: Das Fachorgan der Grafikerzunft gibt es seit 1957. Das stimmt also schon einmal. Der Relaunch fand Ende 2013 statt – mit einem blanken Cover und der bangen Frage “Design Quo Vadis?” Zur 250. Ausgabe bestand offensichtlich der Wunsch, mit einem weißen Blatt Papier von vorne anzufangen. Tabula Rasa!

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Aus weiß im Dezember wurde schwarz im Januar. Mit den Kategorien “Filter”, “Focus” und “Files” hat die Redaktion das Magazin neu ausgerichtet. Das ist so offensichtlich, dass es jeder sofort versteht – ein Wink mit dem Bleisatz sozusagen. Oder mit der Photoshop-Benutzerleiste. Was gibt es außer Schwarz-Weiß-Malerei noch zu vermelden?

Natürlich ist Form immer noch Form. In der Ausgabe Juli/August finden wir vorne einen Essay über Ledersessel und das Glück, ein Braunton zu sein, weiter hinten einen Essay über die feineren Nuancen des Corporate Designs und zum Schluss ein Stück über den WM-Fußball an sich – von Polygonen bis zur “perfekten Sphäre”. Stimmt, da war doch diesen Sommer noch was. Das Redesign war behutsam und das hat Form gutgetan. Schließlich kennt man seine Leser, die bemerken bestimmt jede neue Serife, jeden Font-Wechsel und gewagten Farbverlauf. Schuster, bleib bei deinen Leisten!

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Warum soll ich das lesen?
Hast Du Form bis jetzt gelesen, darfst Du das ruhigen Gewissens weiter tun. Und wenn nicht, fängst Du jetzt auch nicht damit an.

Risiken und Nebenwirkungen
Die Frage “Design Quo Vadis?” bringt auch Dich um den Schlaf, Nacht für Nacht. Das schöne Leben mit schönen Sachen können andere haben. Schade!

> Form online

Sven Job

Manual

presse70Wer hat eigentlich den größten, längsten, besten? Aktuell gibt es jede Menge Magazine, die diese Frage klären wollen. Ob größter Grill (Beef), längster Kleiderschrank (The Heritage Post) oder bester Job (Business Punk) – das heute vielleicht gar nicht mehr so starke Geschlecht bekommt für jede Lebenslage die passende Hilfestellung geboten. Zusammen ergibt dies eine Anleitung für den modernen Mann. Und soeben ist die erste Ausgabe von Manual erschienen.

Und Tatsache ist: Die Frage “Wann ist ein Mann ein Mann?”, die Manual aus dem Hause Gruner + Jahr stellt, ist schon unsouveräner, humorloser und oberflächlicher beackert worden. Alles gar nicht so schlecht also. Aufgeteilt ist das im Zwei-Monats-Rhythmus erscheinende Heft in die Rubriken “At Home”, “For Work” und “To Remember”. Im ersten Teil geht’s um das Hobby Vinyl und die gemeinsame Wohnung mit der Freundin.  Geschichten vom ersten Nagelstudio für Männer und – gähn – die richtige Aktentasche stehen im zweiten Teil. Der dritte Teil schließlich ist dem Mann gewidmet, der sich selbst verwirklichen möchte oder eine Midlife-Crisis durchzustehen hat. Oder sich einfach einen Bart wachsen lässt. Ist wohl alles eine Typsache. Übrigens genauso wie Dir von einem Magazin erzählen zu lassen, welcher Vintage-Schallplattenspieler jetzt genau der Richtige für Dich wäre und welche 1000 Dos und Don’ts es beim Anzugschneider zu beachten gilt. Für den ein oder anderen hat das so einen Bart. Andere lassen sich einen wachsen. Express Yourself.

Warum soll ich das lesen?
Um endlich, endlich die Frage zu klären, wer den längsten hat. Also den längsten Bart. Und auch, wie Du Dir einen wachsen lässt (siehe S. 128).

Risiken und Nebenwirkungen
Du blätterst und blätterst und bleibst doch bei der Homestory über Darth Vader hängen (S. 86). Wieder eine Chance verpasst, zu einem richtigen Mann zu werden, Du Geek.

> Manual online

Sven Job

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