EyeEm

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Ist das schon Kunst, oder noch Kommerz? Was für eine dumme Frage – EyeEm ist ein Magazin, wie es heute viele gibt. Nämlich als Showcase, der analog fortsetzt, was schon lange im Netz stattfindet. EyeEm ist zuerst eine weltweite Foto-Community, in der sich talentierte Amateure und ausgewiesene Profi-Fotografen tummeln. Als “Collection of real photography” featuret das Magazin dazu also ausgewählte Arbeiten aus Shanghai und Nigeria, Australien und Ecuador. Und weist natürlich immer darauf hin, mit welchem Equipment, die oft beeindruckenden Bilder zustande kommen – und dass sie ein jeder auf der EyeEm-Plattform anbieten kann.

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Warum soll ich das lesen?
Das Magazin ist ein Kunstband sowie ein Katalog für eine Dienstleistung und eine Idee zugleich. Dass das auch anderswo gut funktioniert, zeigt z.B. Pineapple aus dem Hause Airbnb.

Risiken und Nebenwirkungen
Du fotografierst gerne Dein Essen oder Deine Füße? Das gibt’s in EyeEm auch. Also musst Du Dir was Neues einfallen lassen. Aber interessante Dinge gibt es ja überall zu sehen, oder?

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Sven Job

Soap

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Was tun, wenn ein Magazin auf den Tisch geflattert kommt, mit wohlgestaltetem Layout, liegt gut in der Hand, das Thema interessiert und so weiter – nur dummerweise auf Französisch, das wir in der neunten Klasse mit einem lauten Salut aufgegeben haben?

Die Antwort, ganz klar, greif Dir das Ding und reim Dir das Nötigste zusammen. Und halte Dich an Heisenberg: Die Texte verstehst Du nicht so recht, also können sie gleichzeitig gut und schlecht sein. Soap widmet sich generell dem Super-Thema Fernsehserien und in der Premieren-Ausgabe dabei speziell “The Big Bang Theory”. Das auf zehn Seiten aber vergleichsweise kurz kommt. Soap bringt es als Bookzine auf knapp 170 Seiten, und kann  mit einer Vielfalt an behandelten Serien, aber auch einer Vielfalt der Inhalte punkten. Interviews, Kolumnen, gesellschaftsrelevante Betrachtungen zu “Girls”, “Game of Thrones” und “Boardwalk Empire” weisen ganz klar über das Unterhaltungsmedium hinaus. Auch Layout und Design sind auf dem neuesten Stand. Alles super für die vielen seriophilen Menschen unter uns –  wenn da nicht die Sprache wäre!

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Auch einen Blick in die Vergangenheit des Mediums riskiert Soap – etwa mit Features zu “Twilight Zone” und “Emergency Room” (das im französischen Raum bekannt war als “Urgences” – wieder was gelernt!). Neben den angelächsischen Produktionen findet auch der französische Markt Beachtung. Mit Erfolgen wie “Les Revenants – The Returned” passiert bei unseren Nachbarn ja auch einiges.

Warum soll ich das lesen?
Parlez-vous français? Prima, dann viel Spaß mit Soap. Es sind auch schon einige Ausgaben erschienen – mit den Titeln “The Walking Dead”, “Gotham” und zuletzt “Veep”.

Risiken und Nebenwirkungen
Es wäre Zeit für ein deutsches Magazin, jetzt wo sich mit z.B. “Weissensee”, “Deutschland ’83″, “Club der roten Bänder” und “Der Tatortreiniger” auch bei uns etwas bewegt. Da müsste doch mal … achso, nevermind. Egal, ein neuer Versuch muss her!

> Soap online

Sven Job

turi2 edition

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Beginnen wir das Jahr doch mit einem Plädoyer für Print und Slow Media. Die erste Ausgabe der turi2 edition widmet sich ganz dem Gedruckten und dem “analogen Genuss”, wie es so schön im Vorwort von Herausgeber Peter Turi heißt. Da hat er natürlich unsere volle Aufmerksamkeit, vor allem, wenn das ganze noch im schicken Bookazine-Format auf dem Tisch liegt.

Der Branchendienst turi2 wird jedem ein Begriff sein, der – wait for it – “irgendwas mit Medien macht”. Über sämtliche digitalen Kanäle hält der Dienst Medienmacher auf dem Laufenden, knapp und auf das Wesentliche reduziert. Mit der turi2 edition erscheint nun das genaue Gegenteil. 200 Seiten, die dem Leser Zeit abverlangen und schwer im Handgepäck liegen.

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Kern der turi2 edition sind die Bilder des Wiener Fotografen Ian Ehm, der die Kiosk-Kultur Deutschlands portraitiert hat. In diesen wird die Pressevielfalt des Landes ebenso sichtbar wie die Schönheit des Analogen – wem geht bei dem Anblick eines prall gefüllten Zeitschriftenregales schließlich nicht das Herz auf? Daneben werden viele Macher und Entscheider der Branche interviewt und aktuelle Trends beleuchtet (Malbücher für Erwachsene, irgendjemand?). Ach, und die herausnehmbaren Visitenkarten aller Mitwirkenden sind übrigens eine feine Idee.

Nicht nur Medienschaffende dürften an der ersten turi2 edition ihre Freude haben, sondern alle, denen Print am Herzen liegt und die manchmal einfach genug vom digitalen Sturm haben. Zeit zum Lesen bleibt noch, die zweite Ausgabe zum Thema Werbung soll erst im April erscheinen. Slow Media eben!

Warum soll ich das lesen?
Die Entdeckung der Langsamkeit.

Risiken und Nebenwirkungen
turi2 Edition ist schwerer als Dein Smartphone. Auch eine Entdeckung.

> turi2 Edition online

 Florian Tomaszewski

Der Filter

IMG_0871Was eignet sich zum Jahresende besser als ein Magazin, das ein Destillat der 18 erfolgreichsten Magazine Deutschlands ist? Die zweite Ausgabe von Der Filter ist ein Bauplan für Magazine und bietet einen Einblick in die Berechenbarkeit des Marktes. Bitte was?

Die HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft Berlin hat die 18 umsatzstärksten Kioskmagazine Deutschlands analysiert und aufgrund der damit gefilterten Eigenschaften ein Magazin entworfen. Layout, Größe, Bildanteil, Textlänge und Dramaturgie: Alles basiert auf Zahlen und wird im Heft auch entsprechend erläutert. Vom Cover bis zur letzten Seite ist nichts dem Zufall überlassen worden. Content per Analyse.

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Die Artikel im Heft fußen allesamt auf den festgestellten Kriterien eines erfolgreichen Magazins. Interessanter aber gestaltet sich die Meta-Perspektive. So ist Der Filter vor allem für Akteure im Print-Business aufschlussreich und nicht ohne Grund wurde das Projekt daher bei den diesjährigen LeadAwards in Hamburg vorgestellt. Schließlich dürfte dort die Hauptzielgruppe anwesend gewesen sein. Auch wer selbst eine Publikation plant, sollte einen Blick in Der Filter werfen und die ein oder andere Information für sich nutzen. Wo sonst erfährt man, das 0,04 % des Heftinhaltes explizit erotischen Themen gelten sollten?

Warum soll ich das lesen?
Du willst wissen, was ein Magazin erfolgreich macht? Hier steht es schwarz auf weiß.

Risiken und Nebenwirkungen
Die Risiken findet man im Zeitschriftenregal. Hat sich eine Erfolgsformel einmal etabliert, wird sie sofort unzählige Male kopiert. Eintönigkeit ist das Ergebnis. Vielleicht will uns Der Filter davor bewahren.

> Der Filter online

Florian Tomaszewski

54749014

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(c) Oliver Wurm / Medienbüro

In den dunklen Wintermonaten ist es noch schwer vorstellbar, aber im Sommer 2016 ist es wieder soweit: Die deutschen Fußball- und Massenevent-Fans können endlich wieder mit schwarz-rot-geiler Gesichtsfarbe und Blumenkette auf die Fanmeilen pilgern. Wenn die 90 Minuten durchgestanden sind, geht es mit Biermischgetränken bewaffnet in GTI oder S-Bahn zum nächstbesten Brunnen, um enthemmt und voll unbeschwertem Patriotismus das Unentschieden “unserer Jungs” im Auftaktmatch der EM zu feiern.

Für alle, die sich auch mal ein wenig in die Hintergründe des alle zwei Jahre wiederkehrenden Partyanlasses einlesen möchten, gibt es die Serie 54749014. In den bisher erschienenen vier Ausgaben dreht sich alles um die deutsche Fußballnationalmannschaft und ihre Großtaten bei Großturnieren. In Heft vier unternehmen Macher und Leser eine Reise in die Zeit von Ballonseide und Vokuhila. Kenner wissen: Thema ist der Weltmeistertitel 1990.

Kaiser Franz, völlig unbefleckt von gekauften Sommermärchen und im Vollbesitz seines Erinnerungsvermögens, trumpfte mit seinen (westdeutschen) Recken auf und holte den Pokal aus Bella Italia über den Brenner. Und was waren das für Typen, die damals im Land von Dolce Vita und starker Lira die Kohlen aus dem Feuer holten: Loddar und Andy, Rudi und Bodo, Litti und Auge.

Nicht nur die Texte, auch das Layout lässt den Leser an die seligen 1990er denken. An den Kiosken des kurz vor der Vereinigung stehenden Deutschlands wäre das Heft wohl nicht unangenehm aufgefallen. Ob das nun Absicht ist oder nicht, der Trick funktioniert: Kinder jeden Alters dürften sich sofort an die Hefte zum Aufkleben der Sammelbilder in Duplo und Hanuta erinnert fühlen.

Im Heft wird den Protagonisten der Geschichte maximaler Raum gegeben. Vor allem ihm, dem damals unumstritten Besten: Lothar Matthäus. Das Interview mit dem anno ’90 noch in erster Ehe verheirateten Weltmann aus Herzogenaurach zieht sich über 48 (!) Seiten und damit fast durch das gesamte Heft. Durchbrochen von bekannten und unbekannten Fotos der Action auf und neben dem Platz, Statements seiner Teamkollegen sowie Daten und Fakten zu den Spielen.

Schön ist, dass im Heft auch Platz für die Nebenschauplätze ist. Zum Beispiel für Reiseberichte von “Schlachtenbummlern”, Erinnerungen an Besuche im Teamhotel von Udo Jürgens, Gott hab ihn selig, oder eine “musik-politische” Zustandsbeschreibung Deutschlands 1990.

Warum soll ich das lesen?
“Das sind Gefühle, wo man schwer beschreiben kann,” sagte Klinsi einst. 54749014 macht es trotzdem und macht es mit Vergnügen.

Risiken und Nebenwirkungen
Der Ohrwurm zur WM ’90 war “Un Estate Italiana” von Gianna Nanini. Der geht nach dem Blättern im Heft nur schwer aus dem Kopf. Und am Ende hat man doch tatsächlich Bock auf ein sommerliches Fußballturnier – Proletenkarneval hin oder her.

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Christian Vey

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