Artic

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Gelegentlich hörst du vielleicht noch von handgemachter Musik. Vielleicht aus dem Mund des angegrauten Plattenhändlers, der mit einer Dylan-LP vor deinem Gesicht fuchtelt, oder in Form deines langhaarigen Cousins, der jedes Jahr nach Wacken fährt und Bands hört, die “Orkus” heißen. Was genau diese handgemachte Musik wirklich sein soll und was vor allem ihr Gegenteil, das sollen bitte andere klären. Für uns ist die Frage nach dem handgemachten Magazin viel interessanter. An diesem Punkt kommt Artic aus Dortmund ins Spiel.

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In limitierter Auflage erscheint Artic einmal im Jahr und widmet sich in Form von Essays, Fotos, Grafiken oder Erzählungen jeweils einem vorgegebenen Thema. Der Untertitel “Texte aus der fröhlichen Wissenschaft” gibt dabei die akademische Richtung des Heftes vor, es erschlägt seinen Leser aber nicht mit Fußnoten oder theoretischen Abhandlungen, für die man selbst mindestens zwölf Semester studiert haben muss.

Interessant wird Artic vor allem durch seine Aufmachung und sein Design. Schon mit dem Einband wird jedes Thema haptisch aufbereitet und – im wahrsten Sinne – begreifbar. Die aktuelle Ausgabe erscheint unter dem Stichwort “Netze”, ihr handgemachter Umschlag besteht aus einem Bauzaun. Frühere Ausgaben wurden schon in beschichteter Molton, Schleifpapier, Schaumstoff oder Raufasertapete verpackt. Gelegentlich haben die beteiligten Künstler die Seiten sogar direkt per Hand ins Heft gearbeitet. Man verspricht also nicht zu viel, wenn man dem Leser mit Artic ein handgemachtes, immer einzigartiges Magazin in Aussicht stellt. Touch it!

Warum soll ich das lesen?
Artic stellt eine unmittelbare Verbindung zum Leser her. Du hältst Originäres in deiner Hand.

Risiken und Nebenwirkungen
Bald schon fängst du an, dein Umfeld mit Vorträgen zu handgemachten Magazinen zu nerven.

> Artic online

Florian Tomaszewski

Transparent

transparent“Politik gehört nicht ins Stadion”, “beim Fußball hat die Politik draußen zu bleiben” oder auch gern “wir lassen unseren Sport nicht instrumentalisieren”: Wenn es ans Eingemachte geht, verstecken sich Fußballakteure auf und neben dem Platz allzu gern hinter solchen Phrasen. Gegen dieses Phänomen schreiben die Macher von Transparent an. Das “Magazin für Fußball und Fankultur” ist gerade in seiner achten Ausgabe erschienen und weist offensiv darauf hin, was eigentlich längst klar sein sollte: Fußball hat eine gesellschaftliche Relevanz erreicht, die ihm eine passive Haltung verbietet. Das “Spiel der Welt” ist von einer schönen Nebensache zum milliardenschweren Business, zum volks- und völkerverbindenden Event und so auch zum Politikum geworden.

Fußball beeinflusst die Leben zahlloser Menschen deutlich länger als nur 90 Minuten. Er ist bestimmender Faktor in der Freizeitgestaltung, sorgt am Montagmorgen für gute (oder schlechte) Laune ganzer Firmenbelegschaften, ist aber auch Standort- und Wirtschaftsfaktor. Wie sich Sport, Politik und Gesellschaft gegenseitig beeinflussen, wird in Transparent unter anderem in der Reportage aus Griechenland deutlich. Im krisengebeutelten Land versucht die faschistische Partei “Goldene Morgenröte” seit geraumer Zeit, die Fangruppen populärer Fußballvereine zu unterwandern und für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Nicht überall trifft sie auf echten Widerstand.

Fußball, Kultur, Politik

Die Titelstory widmet sich der Aufarbeitung der ambivalenten Rolle deutscher Fußballclubs im Dritten Reich. Denn viele Vereinschroniken legen in den Jahren zwischen 1930 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Pause ein. Die Initiative, dies zu ändern, ergriffen die wenigsten Vereine selbst. Stattdessen muss sie von interessierten Historikern oder Fans ausgehen, die selten auf offene Ohren oder gar Unterstützung stoßen. Eine Story zur aktuellen (Gegen-)Kultur in den Kurven deutscher Stadien dreht sich um Fans, die “auffällig geworden” sind und mit Stadion- oder gar Stadtverbot belegt wurden. Der Autor drückt hier angenehm wenig auf die Tränendrüse, wenn er darstellt, was die Situation für Betroffene in sozialer und juristischer Hinsicht bedeutet und wie sie sich dagegen wehren.

Doch auch die andere Seite des Fußballs, die romantisch-verklärte, wird nicht vergessen. Bilderstrecken setzen niederklassigen Vereinen und legendären Spielstätten fast vergessener Vereine ein kleines Denkmal. Dem Betrachter steigt hier unwillkürlich eine Melange aus Trikot- und Sockenschweiß, nassem Gras und schimmeligen Duschräumen, Bier und Bratfett in die Nase. Spielberichte von den etwas ferneren Rändern der Fußballwelt (hier: Kuwait und Marokko) und Buchrezensionen runden den kulturellen Teil von Transparent ab.

Warum soll ich das lesen?
Fußballfans der Welt, schaut auf dieses Blatt – hier könnt Ihr was lernen. Und Ihr Fußballhasser erst recht.

Risiken und Nebenwirkungen
Die Erkenntnis, dass sich in Fußballstadien rechtsoffene, homophobe Schlägertypen tummeln. Aber eben auch viele von den Guten.

> Transparent online

Christian Vey

ZEITmann

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Wo gibt es noch Überfluss im Zeitschriftenregal? Bei den Frauenzeitschriften, bei der Yellow Press zwischen Goldenem Blatt und Neuer Revue (unsere Kollegen von Topf voll Gold singen mit Ausdauer ein Lied darüber), früher auch: bei den Männermagazinen. Männermagazine, das waren dann der Playboy oder härtere Sachen, auch Kicker und Men’s Health kann man einer überwiegend männlichen Lesergruppe zuschreiben.

Wann ist ein Mann ein Mann? Wenn er auf nackte Frauen, Fußball und Muckibude steht? Früher vielleicht. Und heute gibt es Versuch nach Versuch, den Mann als unbekanntes Objekt neu zu verorten, ihm eine Orientierungshilfe in dieser unübersichtlichen Zeit zu geben. Auch die ZEITmagazin-Redaktion versucht nun, zwischen monothematischen Heften zu Möbeln und Mode, Kindern und Uhren, mal ein Heft über den Mann (ein Heft über die Frau brauche es übrigens nicht, davon gibt es ja schon so viele). ZEITmann ist eine Art Testballon, was da noch gehen könnte auf dem Markt, nachdem schon letztes Jahr das ZEIT Berlin-Heft international auf Anhieb ganz gut funktioniert hat.

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99 Probleme, aber ein Mangel an Magazinen für den Mann gehört nicht dazu

33 gute Nachrichten und 3 schlechte füllen ein wöchentlich erscheinendes Heft ganz gut: Moritz von Uslar schreibt über den männlichen Bauch und Western. Victoria Beckham und Karl Lagerfeld werden interviewt – aber (dieses Mal) nicht vom Meister aller komischen Fragen von Uslar. Die Botschaft des Hefts: Der Mann soll sich mal locker machen. Und ändern (sofern er das nicht schon längst getan hat). Also: Soft Skills sind ein absolutes Muss und überhaupt der Rollentausch mit der Frau okay. Und Stil ist wichtig. Ein Mann darf weinen. Das sind Sachen, die wir längst wussten. Bauch ist okay, alkoholfreies Bier auch. Wenigstens die zweite Erkenntnis würde doch so auch gut in Men’s Health passen.

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Warum soll ich das lesen?
Mit den Muppets hat das Heft nur am Rande zu tun. Dann sprichst du mit deinen Freunden eben über dieses “neue” Männerbild, von dem du in ZEITmann gelesen hast.

Risiken und Nebenwirkungen
Ist das Heft eine Testfahrt für ein neues Magazin? Oder nur ein Themenheft der ZEIT? Oder nur ein mächtig aufgeblasenes Feuilleton-Ressort über das, was moderne Männlichkeit wohl so ist? Vielleicht gefällt dir das Heft besser als beabsichtigt, aber bis es regelmäßig alle vier Wochen erscheint, kannst du lange warten. Vielleicht.

> ZEITmagazin online

Sven Job

“Make magazines, not war”: Interview with Facing Pages 2014

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Facing Pages is a magazine event that took place in March 2014 in Arnhem, Netherlands. Half part exhibition, half part symposium, it is a great way to get in touch with magazine lover from all around the world, discover new (mostly independent) magazines (sold on site by legendary bookstore Athenaeum) and see people “from the scene” talk about their experiences of making magazines. We talked to founder William van Giessen and put together some pictures of the event.

VADP: First, congratulations to a very nice event. How did it all turn out in your view – lecture-wise and visitor-wise? Are you happy with Facing Pages 2014?
William van Giessen: This year was really amazing. Everything went very smooth behind the screen. We started very relaxed and stayed that way during the symposium days. Lecture-wise it became even better than we could wish for. All speakers were fantastic and the rhythm, the topics and the mood in the room was fantastic! Every visitor we spoke was superenthusiastic and promised to come back in 2016. All and all, probably the best Facing Pages so far. So yes, we are more than happy!

What was your highlight of the two days?
This is a tricky one! If I say one name I want to mention every speaker. We had some suprise-acts in between (from Martijn Brugman, Dennis Gaens en BiOP) which turned out great. But the main line-up was super and I can’t tell which one was the best. But to give a highlight; afterwards some people came up to me and said they are finally starting their own magazine. This is why we do it. That people get excited, motivated and start to work on their idea. And often with some fellow visitors they met. Another highlight are the visitors. Almost every European country was represented. Even some people outside the EU visited; from India, Canada and Japan! How cool is that!?

That’s impressive! Your event was aligned under the tags “activism” and “escapism” – do these characterise the indie-zine landscape we have?
Since the 2010 edition of Facing Pages we felt that these themes are very current in today’s independent magazine landscape. There are more things going on, but the contrast between the two themes inspired us.

What’s in store for the future? More lectures, more exhibition space?
Pfew, we don’t know yet. I think this is what we can achieve with the three of us in the time we have. It’s not our main job – that’s still making print publications – and we can’t make money with it they way we do it now. Making it profitable also takes a lot of spare time, so who knows what we think of next time? No ideas yet. Right now, we just want to relax a bit and enjoy the exhibition while it still lasts.

Thanks, William and good luck for the future!

Sven Job talked to William van Giessen, founder and curator of Facing Pages 2014.

The exhibition of independent magazines is open till april 7th, admission is free!

> Facing Pages online

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facing04 Toine Donk, founder of Dutch literature magazine Das Magazin

facing05Frank Jurgen Wijlens and Koen Denolf talking about their experience in making Bruce Magazine

facing06 Jonathan Baron and Matthew Holroyd of Baron Magazine

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Electronic Beats

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Dieser Tage erscheint die Erstausgabe der deutschsprachigen Electronic Beats, dem Musikmagazin der Telekom. Der Chef des Musikmarketings des Konzerns, Ralf Lüsdorf, gibt aus diesem Anlass ein Interview. Auf die Frage, warum es denn im heutigen digitalen Zeitalter noch Print-Magazine brauche, sagt er: “Die Marke spricht multisensorisch zu einem.” Er sagt das, wie unsereins über das Wetter spricht. “Die Marke spricht multisensorisch zu einem.” Das sind natürlich hundert Punkte bei jedem Bullshit Bingo. Das ist aber, wie er im gleichen Interview andeutet, auch nicht die Electronic Beats, mit der er nur so zu schaffen hat wie vielleicht dein Vermieter mit deinem WG-Leben. Außer vielleicht, wenn dir dein Vermieter ein neues Traumsofa kaufen würde, wenn du das brauchst. Eher unwahrscheinlich.

Das Magazin sorgt seit mittlerweile seit 2005 in seiner englischsprachigen Version für journalistische Qualität. In Zeiten, wo die Redaktionen allerorten der Rationalisierung zum Opfer fallen und ins nächste Blog outgesourcet werden. Dass das Magazin nun erstmals in deutscher Sprache erscheint, erstaunt dabei weniger, als der Umstand, dass das nicht schon längst passiert ist. Schließlich ist die Zeitschrift ein Produkt der Deutschen Telekom, die Redaktion unter Chefeditor Max Dax ist deutschstämmig und das Thema – im weiteren Sinne Aspekte elektronischer Musikkultur – hat seine Welthauptstadt ja fraglos auch in Berlin.

Anders als die englischsprachige Fassung ist die Electronic Beats in der neuen Version aber nicht gratis zu haben. Sie ist die 4 Euro 50 dabei auch durchaus wert. Hier werden nicht nur die immer gleichen Themen besprochen, die in der Musikjournaille gerade von allen besprochen werden. Themen, die natürlich nur deswegen von allen besprochen werden, weil es da eben vor Ort in Berlin oder in Köln die Pressekonferenzen gibt, und das Release-Konzert, und den durchgeplanten Interview-Tag im Hilton Hotel. Und die Promo-CD obendrein. Nicht deswegen wird dieses Magazin gemacht, denn es ist ja selbst die Promo. Man vergisst das bei all den interessanten Themen schnell.

Seltsamerweise beschleicht einen bei dem offen von einem großen Konzern veröffentlichten Magazin geradezu weniger das Gefühl, dass hier etwas verkauft werden soll. Und denkt man mal darüber nach, ist das auch verständlich: Wenn die Musik von Band X in den Himmel gelobt wird und im gleichen Magazin deren Label massiv Anzeigen schaltet, wird man schon mal skeptisch, ob das inhaltlich objektiv gelaufen ist. Electronic Beats macht so etwas nicht, weil über das Vertrauen in ihre journalistische Integrität das Vertrauen in die Telekom gesteigert werden soll. Solange daraus ein so gutes Magazin entsteht wie die Electronic Beats  – alleine der Besuch im Sun Ra-Haus in dieser Ausgabe liest man so nirgendwo anders – nimmt man das gerne hin.

Warum soll ich das lesen?
Gute Berichte in Sachen Popkultur aus der ganzen Welt, von vielen verschiedenen Autoren – jetzt auch in deutscher Sprache erhältlich.

Risiken und Nebenwirkungen
Am Ende sprichst du noch multisensorisch zur Marke.

> Eletronic Beats online

Ulrich Mathias Gerr

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