Die Indiecon 2014 in Fußnoten

IMG_1266
Was ist Indie? Unter diese Frage haben Malte Brenneisen und Urs Spindler ihr Festival für unabhängige Magazine gestellt. Und stattfinden sollte die erste Indiecon 2014 im hochsommerlichen Hamburg, direkt an der Alster. Anfang September kamen sodenn Magazinmacher, Verleger und Branchenmenschen zusammen für Workshops und Heft-Präsentationen, für kleine Gespräche unter vier Augen und große Debatten auf der Bühne. All das im edlen Ambiente einer Villa und dort vor allem im “Goldenen Salon”.

Der Salon ist Teil der Heinrich Heine-Villa, in der früher übrigens auch die Redaktion des Tempo Magazins saß. Eine Location mit Geschichte und ein guter Boden, um Magazin-Ideen auszutauschen und mit Gleichgesinnten zu schnacken. Oder wenigstens eine gute Zeit zu haben.

Das hatten wir alles. Weil wir aber auch etwas mehr von der Indiecon mitnehmen wollten als den Jutebeutel voller Magazine von Read bis Über und niemand Inhaltsangaben lesen mag – hier sind unsere Eindrücke, eingedampft auf 99 Fußnoten. Na fast. Ungefiltert, subjektiv und mit einem Beck’s in der Hand.

Eine Convention in Fußnoten


“An alle, die noch ganz unten sind: Keep cool.”

(Gabriele Fischer, Brand Eins)

Wer ein Magazin herausbringt, der braucht Zeit. Und einen langen Atem. Doch es zahlt sich aus, darin sind sich alle einig. Gabriele Fischer kann davon ein Lied singen; nach nunmehr 15 Jahren hat sie es mit ihrem Wirtschaftsmagazin Brand Eins zur 100 000er-Auflage gebracht.


“Ein Bäcker mit nur einer Filiale ist auch Indie.”

(Ale Dumbsky, Read)

Und das heißt: Indie bedeutet also erst mal nichts. Du machst ein kleines Heft, oder ein großes, es gibt Dein Magazin schon ewig oder erst seit gestern. Du klebst die Seiten in der Garage von Papa zusammen oder druckst Hochglanz: Der Begriff Indie kann diese Branche nicht definieren. Aber kann das überhaupt ein einziger Begriff?

Indiecon 2014 Festival für unabhängige Magazine
“Große Verlage, kleine Klitschen – das ist was für die Schublade.”

(Oliver Gehrs, Dummy)

Mit diesen einfachen Einteilungen ist es vorbei. Oder wenigstens fast. Und überhaupt: Wer hier auf der Indiecon 2014 ein gemeinsames Abfeiern des Labels “Indie” erwartete, wurde schnell eines Besseren belehrt. Oliver Gehrs (Dummy) hält den Begriff für gefährlich, Ale Dumbsky (Read) ist davon genervt und auch Gabriele Fischer (Brand Eins) weist den Begriff von sich. So unterschiedlich die Magazine, so unterschiedlich auch die Argumente.

Indiecon 2014 Festival für unabhängige Magazine
Die Zielgruppe gibt es nicht mehr. Dafür aber tausende.

Den Spiegel liest heute jeder und keiner mehr. Auch bei den Indies hat jedes Magazin eine mehr oder weniger heterogene Leserschaft. Oder wie Gabriele Fischer es ausdrückt: “Bei uns [Brand Eins] gibt es den Hartz-IV-Leser und den Vorstandsvorsitzenden.”

Indiecon 2014 Festival für unabhängige Magazine
Indie heißt nicht, dass man nicht erfolgreich sein will.

Und das ist sowohl positiv als auch negativ gemeint – je nachdem, wer sich an diesem Wochenende zu Wort meldete. Oliver Gehrs (Dummy) etwa störte sich daran, dass man vielen Indie-Magazinen in ihrer Oberflächlichkeit einfach ansehen könne, dass sie erfolgreich sein wollen – gleichzeitig ärgerte sich der Herausgeber, mit Dummy immer noch unter “Indie” zu fallen. Und überhaupt: “Es sollte immer das Ziel sein, dass man seine Miete zahlen kann.” (Gabriele Fischer)

Indiecon 2014 Festival für unabhängige Magazine
“Technik? Das kann jeder und seine Mutter.”
(Ale Dumbsky)

Content bleibt King. Oder: So sollte es sein. Denn: “Es gibt immer noch zu viele Hefte, die nicht weh tun.”

Indiecon 2014 Festival für unabhängige Magazine
“General Interest? Is over!”

Zu dieser Fußnote gehört ein Fragezeichen. Denn während sich die einen weiterhin Magazine wünschen, auf die sich alle (oder: viele) einigen können, geben andere nur noch der Nische eine Chance. Denn die Frage bleibt: Sind Magazine wie The Weekender (Freizeit), Brand Eins (Wirtschaft) oder The Germans (Politik und Gesellschaft) nicht schon sehr massenkompatible Veröffentlichungen?

Indiecon 2014 Festival für unabhängige Magazine
“Mach Dich interessant! Erweitere Dein Angebot!”

Denn das Geschäft da draußen ist ein Haifischbecken und Fische schwimmen darin sehr sehr viele. Steve Watson betreibt einen kuratierten Magazin-Versand und liebt Indie. Und er sagt: Lass Dir was einfallen. Und wenn es bedruckte Kaffeetassen und Shirts sind.

Indiecon 2014 Festival für unabhängige Magazine
“Relevanz ist wichtig.”

(Michael Hopp, ex-Chefredakteur Wiener)

Klingt banal, ist aber ein Thema, das auf der Indiecon 2014 immer wieder angesprochen wurde. Oliver Gehrs etwa störte sich an Magazinen, für die der normale Leser erstmal einen Beipackzettel brauche, um sie zu verstehen. Und Michael Hopp brachte zum Ausdruck, was er von manchem Indie-Magazin hält: Zu brav, zu diffus, zu nett. Wie aber macht man sein Heft relevant? Mit der harten Realität – Konflikt, Gewalt, Sex. Klare Ansage.

Indiecon 2014 Festival für unabhängige Magazine
“Print hat einen Anfang und ein Ende. Das ist das Großartige daran.”

Warum lieben wir Print so sehr? Wer etwas drucken will, richtig auf Papier, “der gibt sich einfach mehr Mühe” (Dumbsky). Und wer sich die irrwitzige Idee, ein eigenes Magazin zu veröffentlichen, erst mal in den Kopf gesetzt hat, der bringt es (im besten Fall) auch zu Ende. Und dann ist es in der Welt. Und bleibt da.

Indiecon 2014 Festival für unabhängige Magazine
We got 99 problems but Indie ain’t one.

Morgen lest Ihr hier das Interview mit den Machern Urs & Malte.
Und unsere Eindrücke zu den Magazinen liefern wir auch noch nach.

> Indiecon 2014 online

Sven Job
Fotos: Florian Tomaszewski (1),
alle weiteren: Malte HM Spindler / DIE BRUeDER / Indiecon 2014

Cahiers

IMG_9941

Wer sich ein “Magazin zur Fotografie” zulegterwartet wahrscheinlich vor allem: Bilder. So überrascht auf den ersten Blick die Textlastigkeit von cahiers, eben weil viele Fotomagazine hauptsächlich Bilder zeigen und sich eine darüber hinausgehende Auseinandersetzung mit dem Medium kaum zutrauen. Diese Lücke schliesst cahiers, vom Masterstudiengang Fotografie der Fachhochschule Dortmund herausgebracht.

IMG_9945

Die Macher selbst erklären im Editorial zur zweiten Ausgabe, welches irritierenderweise mitten im Heft abgedruckt ist, die Leitidee des Magazins: Nämlich der Fotografie den Raum zu geben, den sie verdient. Dies gelingt, wenn auch mitunter sehr akademisch und eher für einen kleinen Kreis gedacht. Der Fotograf ohne theoretischen Background wird mit dem ein oder anderen Text Schwierigkeiten haben. Dass es jedoch nicht nur bierernst zur Sache geht, beweisen Beiträge wie “12 hilfreiche Regeln, um sich das Fotografieren abzugewöhnen” (“10: Waschen Sie sich nach jedem Foto die Augen aus”) oder die Fotoreihe “Vice”, die eigentlich ein Nebenprodukt der Fotografie darstellt und ein Lichtdouble im Einsatz zeigt. Ein Fotomagazin kann auch ohne nicht enden wollende Bildstrecken auskommen und diesen Titel trotz allem verdienen. Das beweist cahiers. Klick.

Warum soll ich das lesen?
Keine Praxis ohne Theorie. Und die liefert cahiers.

Risiken und Nebenwirkungen
Ein Foto ist ein Foto ist ein Foto.

> cahiers online

Florian Tomaszewski

Odiseo

presse62

Hast Du’n Arsch im Gesicht, hast Du’n Arsch im Gesicht. Weiß jeder. Odiseo gehört zur jüngeren Welle von Freizeit-Magazinen, die sich nicht dem Radfahren widmen wollen, nicht dem Trimmen des Schnäuzers oder Häkeln von Lätzchen, nicht über Biotomaten oder Videospiele schreiben – sondern über Sex. Aber nicht nur ausschließlich – denn wie sind sonst Essays von Ingo Niermann (“Umbauland”) zu erklären oder von Joie Reinstein, in dem es um Gentrifikation geht?

presse62c

presse62b

Davon abgesehen aber sind in Odiseo Fotostrecken abgedruckt, die wir früher – ähem – als geschmackvoll bezeichnet hätten. Dabei muss man aber eher an das denken, was B-Stars zu Protokoll geben, wenn sie im Eva-Kostüm ihren (schwarz-weiß geschmackvollen) Auftritt im Playboy haben. Das hier aber, das ist eine ganz andere Nummer. Auch wenn das Männermagazin am Ende von Odiseo noch ein kleines Feature hat. In dieses Zine (das sich mehr wie ein Buch anfühlt – lesen bildet!) darf man ruhig mal einen Blick riskieren. Besser ohne Arsch im Gesicht.

presse62d

Warum soll ich das lesen?
Hast Du Distinktion in der Hose, hast Du Distinktion in der Hose. War nur Spaß.

Risiken und Nebenwirkungen
Vielleicht gehst Du zum Masturbieren schon bald ins Museum. Wieder: nur ein Spaß.

> Odiseo online

Sven Job

Dislike – Magazin für Unmutsbekundung

dislike01
Vor Kurzem auf der Terrasse einer großen Kaffeeröster-Filiale: Hinter dem Verkaufstresen, für den Kunden normalerweise nicht sichtbar, ist ein Spiegel angebracht, an dem die Verkäuferinnen – es sind nur Frauen – andauernd vorbeihecheln müssen. Auf dem Spiegel steht: “So sieht der Kunde Sie.” mit einem Smilie darunter, der vermittelt: “Und so sollte er Sie sehen.” Die “Think Positive”-Kultur ist eben überall und dass es nur einen Like-Button gibt, aber keinen Dislike-Button, bringt diese Kultur auf den Punkt. Was wir nicht bemerken, das gibt es auch nicht. Ein Affe, der sich Augen, Mund und Ohren gleichzeitig zuhält.

dislike03
Das Schweizer Dislike-Magazin setzt genau hier an. “Wir kommen um uns zu beschweren” ist das Motto und dementsprechend der Untertitel: “Magazin für Unmutsbekundung”. Stilistisch ist das Heft vielfältig: Essays und Reportagen wechseln sich mit Streitschriften und Kurzgeschichten ab. Was von außen zunächst so schlicht wie eine akademische Vierteljahresschrift daherkommt, bietet drinnen mit vielen Fotos und Zeichnungen genug Eyecandy, um dem “Magazin” im Titel gerecht zu werden.

dislike02
Die behandelten Themen nerven genau so, wie es ja beabsichtigt ist: ein Besuch im künstlichen Tropenpark vor Berlin, eine Skizze der typischen Onlinekommentare bei Tageszeitungen und auch der Kapitalismus, dieser “alte Schlawiner” (PeterLicht). Schlechte Kunst und die seltsamsten Kosenamen für Geschlechtsteile: Der Spott ist da, aber er ist nett gemeint. Man hat ja auch immer Anteil an dem, was man nicht mag. Oder um es noch einmal mit Tocotronic zu sagen: “Und alles was wir hassen / seit dem ersten Tag / wird uns niemals verlassen / weil man es eigentlich ja mag.”

So sehr man die Themen nicht leiden kann, so sehr mag man die Artikel. Man kann es sich im “Grand Hotel Abgrund” eben auch sehr gemütlich machen. Ein intelligentes und unterhaltsames Magazin. Me like the Dislike!

Warum soll ich das lesen?
Das Motto “Think Positive” nervt und ist Selbstmanipulation. Also besser ein so gutes “Read Negative” wie hier.

Risiken & Nebenwirkungen
Da ist wieder der alte Widerspruch: Du bewertest einen Artikel mit “Gefällt mir” und meinst damit eigentlich das Gegenteil.

> Dislike Magazin online

Ulrich Mathias Gerr

Form – nach dem Relaunch

presse71b

Erst gab’s den knallharten Reality Check bei uns, jetzt den Relaunch seitens der Redaktion, welcher der Design-Zeitschrift mit großer und langer Tradition behutsam die Papierfalten entstauben soll. Na ja, wie so oft ist fast alles wahr, irgendwie: Das Fachorgan der Grafikerzunft gibt es seit 1957. Das stimmt also schon einmal. Der Relaunch fand Ende 2013 statt – mit einem blanken Cover und der bangen Frage “Design Quo Vadis?” Zur 250. Ausgabe bestand offensichtlich der Wunsch, mit einem weißen Blatt Papier von vorne anzufangen. Tabula Rasa!

presse71

Aus weiß im Dezember wurde schwarz im Januar. Mit den Kategorien “Filter”, “Focus” und “Files” hat die Redaktion das Magazin neu ausgerichtet. Das ist so offensichtlich, dass es jeder sofort versteht – ein Wink mit dem Bleisatz sozusagen. Oder mit der Photoshop-Benutzerleiste. Was gibt es außer Schwarz-Weiß-Malerei noch zu vermelden?

Natürlich ist Form immer noch Form. In der Ausgabe Juli/August finden wir vorne einen Essay über Ledersessel und das Glück, ein Braunton zu sein, weiter hinten einen Essay über die feineren Nuancen des Corporate Designs und zum Schluss ein Stück über den WM-Fußball an sich – von Polygonen bis zur “perfekten Sphäre”. Stimmt, da war doch diesen Sommer noch was. Das Redesign war behutsam und das hat Form gutgetan. Schließlich kennt man seine Leser, die bemerken bestimmt jede neue Serife, jeden Font-Wechsel und gewagten Farbverlauf. Schuster, bleib bei deinen Leisten!

presse71c

Warum soll ich das lesen?
Hast Du Form bis jetzt gelesen, darfst Du das ruhigen Gewissens weiter tun. Und wenn nicht, fängst Du jetzt auch nicht damit an.

Risiken und Nebenwirkungen
Die Frage “Design Quo Vadis?” bringt auch Dich um den Schlaf, Nacht für Nacht. Das schöne Leben mit schönen Sachen können andere haben. Schade!

> Form online

Sven Job

Seite 3 von 36« Erste...234...102030...Letzte »