Biss

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Darf man das so sagen? Ich sag’s einfach mal: Vor Kurzem war ich das erste Mal in München. Und während meine Eindrücke noch frisch sind, stehen meine Klischeevorstellungen einer objektiven Haltung gegenüber München immer noch etwas im Weg. Zeigt sich das Wesen einer Gemeinde in ihrem Straßenmagazin? Ich gehe mal davon aus. Biss soll mir helfen, diese Stadt besser zu verstehen. Grüß Gott, Bavaria!

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Also: Biss macht einen aufgeräumten Eindruck, sauber, wirklich. Dem Layout nach. Und das haben schließlich Profis gemacht: Man könnte es im Innenteil glatt für das Zeit- oder SZ- Magazin halten. Kein Wunder: Martin Fengel z.B. illustriert nicht nur dort, sondern verleiht auch Biss seine eigene Note.

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Und der Inhalt? München soll ja auch mal etwas kleingeistig sein. Aber adrett. Aufgeräumt auch. Da passt es gar nicht, dass Ali Mitgutsch, der Held unserer Kindheit und selbst ein Ur-Münchener, mit einem Interview vertreten ist. Seine Wimmelbücher sind ja auch nicht ordentlich, sondern strotzen vor Chaos. Und kleingeistig und sauber stimmt auch nicht: Ein ausführliches Feature lässt Menschen zu Wort kommen, die in ihrer Familie Alkoholismus erlebt haben. Guter Journalismus ist das, aber nicht bieder. Biss gehört bei den Straßenmagazinen sicher zu den besten.

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Sven Job

Starstube

Da ist es: Das Magazin, vor dem ich kapituliere. Was kein akademisches Heft, kein diffiziles Kunstmagazin und kein komplexes Blatt über Architektur geschafft hat, das gelingt nun Starstube, dem “ersten Magazin über Youtuber”. Ein dünnes Blättchen, für 1,50 € erworben – und ich bin raus. Überfordert. Weiß von der ersten bis zur letzten Seite nicht, wen mir das Heft vorstellen will. Ich habe die Namen (Dagibee, Liont, Die Lochis) noch nie gehört.

Aber es sind wohl Stars, die auf den Schulhöfen dieser Republik geliebt werden. Manchmal auch gehasst, schließlich müssen sich die Protagonisten des Heftes auffällig oft rechtfertigen und verteidigen. Von “Neidern” und “Hatern” ist da die Rede. Das Internet ist ein Schlachtfeld. Dagibee und Liont scheinen auf jeden Fall für eine große Personengruppe wichtig – und ich kenne sie nicht. So fühlt sich das also an: Nicht mehr zur Zielgruppe zu gehören, keine Ahnung zu haben, worüber die jungen Leute da sprechen. “Die jungen Leute”, so rede ich jetzt also auch schon.

Das Heft? Es wäre leicht, sich über Layout, Design und Typographie lustig zu machen. Starstube richtet sich an Kinder und Jugendliche, ist fürs schnelle Durchblättern gedacht. Es wird wahrscheinlich in die Schultasche gestopft und auf der Rückbank im Bus durch diverse Eisteeverklebte Hände wandern. Mal wird den Lesern ein “krass” oder “Iiiih” oder auch “voll süüüß” entweichen, sammeln und archivieren wird es wohl niemand. Inhaltlich geht es überwiegend darum, wer wen warum cool findet – oder eben auch nicht.

Interessant ist allein die Tatsache, das hier das erste Youtube-Magazin vorliegt, einen aufschlussreichen Blick hinter die Kulissen des Geschäfts findet man in Starstube nicht. Ich bin raus, schenke das Heft meiner pubertierenden Cousine und wende mich wieder den Kunst- und Architekturmagazinen zu. Die verstehe ich wenigstens. Irgendwie.

Warum soll ich das lesen?
Du kannst mit Starstube mal checken, was die Kids so interessiert.

Risiken und Nebenwirkungen
“Checken”? “Kids”? #Opfer.

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Florian Tomaszewski

Anmerkung der Redaktion:
Die Starstube GmbH möchte nicht, dass wir Bildmaterial ihres Magazins verwenden. Auch wenn uns diese Bitte aus diversen Gründen irritiert, haben wir uns dazu entschlossen, das Artikelbild zu entfernen.

Séparée

Für ihre Idee haben die Macherinnen und Macher von SéparéeErotik ist weiblich die volle Punktzahl verdient: ein Erotikmagazin für Frauen. Während Männer in jedem U-Bahn-Kiosk ihre Tittenblättchen kaufen können (ja, wir wissen alle, Erotik ist viel mehr, aber immerhin!), mussten sich Frauen bisher mit Sextoy-Tests in ausgewählten Frauenmagazinen zufriedengeben und hier und da mal mit einer fragwürdigen Anleitung, wie wir endlich zum Höhepunkt kommen.

Das Hochglanz-Heft ist eingeteilt in drei Themenbereiche: Sehen, Lesen und Vergnügen. Die Themen der Herbst-Ausgabe 2014 sind unter anderem: Burlesque, Pole Dance, Erotisches Dating, Homemade Porno. Knackige Männerhintern, eine erotische Geschichte, Erfahrungsberichte zum Online-Dating und eine Anleitung zum Onanieren – alles dabei. Leider aber auch alles nicht zum ersten Mal.

So sehr also die Androhung des Versands im blickdichten Umschlag antörnt, so nüchtern ist dann das, was man als Leserin in den Händen hält. Es spricht nichts gegen Erfahrungsberichte oder Interviews. Aber mehr als das Wissen, was andere dazu bewegt, sich bei erotischen Datingportalen anzumelden, interessiert uns Leserinnen doch, ob dort auch Platz für unsere Phantasien ist: Kann ich mich trauen, mein Kopfkino anderen dort mitzuteilen? Auf diese Frage bleibt Séparée leider eine Antwort schuldig.

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Die Bilderserien sind zwar Hochglanz, aber so auch spätestens seit David Beckham und H&M an jeder U-Bahn-Haltestelle möglich. Und wenn das männliche Model tatsächlich mal in einer interessanten Pose zu sehen ist, wird mal eben schnell das Laken unbeholfen wie über ein altes Möbelstück über den Penis geworfen. Und was ist eigentlich mit den Frauen, für die der Körper einer anderen Frau erst so richtig erotisch ist? Alles Mögliche jenseits von heterosexuellen Phantasien, spielt, wenn überhaupt, nur am Rande eine Rolle.

Zahlreiche Texte sind in der Ich-Perspektive verfasst, was vermutlich eine Art freundschaftliche Beziehung zwischen Leserin und Heft herstellen soll. Leider wirken sie zu sehr konstruiert, in manchen Teilen gar frei erfunden. Beim Lesen überkommt einen schnell eine Art Unbehagen, zu oft hat man den Eindruck, die Autoren tun sich schwer bei dem, was sie vermitteln möchten.

Unabhängig vom Anspruch der Macherinnen muss ein Blatt wie Séparée sich zwangsweise danach beurteilen lassen, ob es Tabus bricht und vielmehr noch: ob es tatsächlich ein Erotikmagazin für Frauen ist. Leider ist das den Macherinnen mit der Herbst-Ausgabe 2014 nur mäßig gelungen.

Warum soll ich das lesen?
Wem Brigitte zu beige und das Missy Magazine zu neonfarben ist, wird sich bei Séparée vermutlich ganz wohl fühlen. Okay, und die Reaktionen der Nebensitzers in Bahn und Bus während der Lektüre sind es auch ein bisschen wert.

Risiken und Nebenwirkungen
Mich jedenfalls überkommt nach der Lektüre von Séparée das zugegebenermaßen pubertäre Bedürfnis, ganz laut zu schreien: Penis Muschi, Penis Muschi, Muschi Penis! Aber vielleicht ist das auch einfach nur ein Zeichen dafür, dass ich mit rund 30 Jahren nicht zur Zielgruppe von Séparée gehöre.

> Séparée online

Johanna Forys

Get Lucky

getlucky_1“Nimm dir, was du brauchst, wenn du das Glück suchst! Entfache dein Feuer!”, heißt es ganz lebensphilosophisch im Editorial der Erstausgabe von Get Lucky – Leben mit Leidenschaft. Das erste Heft wirkt noch, wie man es aus dem Umfeld einer Journalistenschule erwartet – Get Lucky ist eine Produktion der Burda Journalistenschule in Zusammenarbeit mit der dazugehörigen Medien Innovation GmbH.

Grob unterteilt in die drei Rubriken “Herzblut” (Ästhetisierung des Alltags), “Kopfüber” (Jobs und Cheap Thrills) und “Hautnah” (Mode und Körperkontakt) spricht Get Lucky mit viel Bildmaterial auf begrenztem Raum ein breites Repertoire an Themen an. Und gibt sich damit als Proberaum für die sogenannte Generation Y, zu der sich auch die Macher zählen: “Die, die noch den Einwähl-Sound ihres 56k-Modems kennen, sich das neue Christina-Aguilera-Album bei Kazaa runtergeladen haben und für die ‘How I Met Your Mother’ bis heute eine schlechte Kopie von ‘Friends’ ist.” Moment, Friends?

getlucky_2Bei Get Lucky geht’s vor allem um Lifestyle, und vor allem im Wohlfühlprogramm. Schön, dass die selbst gezogene Generationengrenze aber auch immer wieder überschritten wird. Zum Beispiel H. P. Baxxter, der uns seinen Lebensweg aufzeichnet: “Wickeeed”! Oder Felicitas “Lolle” Woll, die sich knapp bekleidet durch eine Fotostrecke räkelt, um zu zeigen, dass man sie noch lange nicht in öden Geschichts-TV-Events verrotten lassen darf.

Das macht Spaß, ist unterhaltend und amüsant. Aber mal abwarten, ob das gegen die anderen im Kioskregal eine Chance hat – etwa gegen Neon. Da muss sich die Generation Y dann doch einmal entscheiden.

Warum soll ich das lesen?
Du sollst leben. Oder wie hieß es in einer der großen Apologien des Abendlandes vom vergangenen Sommer: “We‘re up all night to get lucky, We‘re up all night to get lucky, We‘re up all night to get…”

Risiken und Nebenwirkungen
Du hast keinen Schimmer, wer Felicitas Woll sein soll. Dabei gehörst Du doch zur Generation Y! Was ist da bloß los?

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Manuel Niemann

Indiecon 2014 – Die Magazine in der Kurzkritik

Schön war’s ja auf der Indiecon 2014 in Hamburg. Zum lesen kamen wir aber – verständlicherweise – nicht so richtig. Zu viele spannende und erhellenden Vorträge und Panels. Zu viele Magazinmacher, denen wir erklären mussten, warum wir ihr Magazin damals so und so besprochen haben – und nicht so und so!

Spaß beiseite. Hier ein kleiner Magazin-Zusammenschnitt.

indiecon_mags_021. Über (online)
Über ist “ein Magazin über Menschen, Orte, Träume, Taten und Ideen.” Also alles – und nichts. Manche Beiträge laufen ins Leere, andere treffen ins Schwarze. Vor allen Dingen die Bilderstrecken, und das ist leider oft so. Toll: Das Heft ist so groß (und gratis), dass man sich mit den Seiten die eigenen vier Wände verzieren kann. Mit Rosis Rumtopf zum Beispiel.

2. Read (online)
Macher Ale Dumbsky ist ein meinungsstarker und sympathischer Typ. Sympathisch ist Read eigentlich auch – aber leider nicht gut. Die Texte sind so dahin geschrieben und es fehlt oft an Substanz. Dabei ist Read alles andere als ein Hochglanz-Titel. Immerhin: Das Magazin liegt in Hamburg an vielen Stellen kostenlos aus. Fun Fact: Auch in einem Penny-Markt (!). Wer sucht, der findet.

indiecon_mags_033. Fall (online)
Der Gewinner. Grafisch gibt’s keine Aufregung, aber textlich gefällt es mir. Viele Magazine da draußen machen es sich leicht, indem sie immer nur ein Thema behandeln (und das dann auch nicht so gut) – Fall macht das besser. In diesem Heft geht’s um das Thema “Beifall” in vielen Facetten: Moritz Bleibtreu und auch ein Lehrer erzählen, wie sie damit umgehen. Und auch sonst reichen sich Glamour und Non-Glamourin in Fall die Hand. Die können ruhig weitermachen. Kostet auch nichts, muss man aber finden.

4. Heimatdesign (online)
Super: Sieht immer anders aus. Aber das liegt daran, dass hier Designer das Magazin machen – wie der Name schon sagt. Heimatdesign ist also zuerst ein Magazin, in dem Grafiker und Layouter ihre Ideen ausstellen – oder interviewt werden. Das ist für alle weniger Grafik-Affinen stellenweise total uninteressant. Schade. Vielleicht brauchen wir einfach einen passionierten Grafikdesigner in unserem Autoren-Team. Kostet nichts, muss man nur finden.

Ach, und bald schauen wir uns noch die Kindertseitung an. Für die Jüngsten (und Jüngstgebliebenen).

Nie zu spät: der Indiecon 2014-Roundabout:
> Der Bericht zur Indiecon 2014
> Das Interview mit den Orgas Urs & Malte

Sven Job

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