Echt.Niedersachsen

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Niedersachsen. Das ist plattes Land. Das ist Fleisch. Das sind Charlotte Lindholm und Christian Wulff. “Nö”, dachten sich sechs Niedersachsen-Fans und produzierten Echt. Niedersachsen  – das neue Landmagazin. “Wie lebt es sich zwischen Küste und Harz?” sollen Leserinnen und Leser erfahren.

Die Themenauswahl ist für die Jahreszeit Frühling und ein Landmagazin typisch: Erdbeeren und Spargel, Wandertouren und einheimische Designer.  Dazwischen aber finden sich Beiträge zu Land und Leuten, die durch Aktualität und sorgfältige Recherche überzeugen: das Thema Wolf zum Beispiel. Die Rückkehr des haarigen Gefährten sorgt in Niedersachsen für gemischte Gefühle. Wie Schäfer, Naturschützer oder die Oma von nebenan zum Wolf stehen, wird in sechs kurzen Beiträgen dargestellt. Unterfüttert wird alles noch einmal mit ein paar Fakten. Auch umfangreich recherchiert und schön verpackt: das Themenspezial “Echt. Liebe” mit “18 Seiten über das Herzklopfen auf dem Land”. Wem die üblichen Pärchenporträts zu langweilig sind, kann auch einfach die Story über das harte Leben von Deckbullen mit pinkem Irokesenschnitt und Nasenring lesen. Die Redakteur_innen zeigen so: Klar können wir die 08/15-Inhalte, aber wir wollen mehr.

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Gerade bei den Seiten zum Wolf fallen die schönen Illustrationen auf, die sich auch an mehreren Stellen im Blatt finden. Überhaupt wird im ganzen Heft viel Wert auf eine ansprechende Optik gelegt, die den Texten einen Rahmen gibt, sie aber nicht verschluckt. Echt.Niedersachsen soll keine oberflächliche Landhausstil-Hochglanzbroschüre sein: Dieser Anspruch der Macher_innen ist deutlich zu erkennen. Einmal kurz durchblättern ist nicht. Wer anfängt, einen Text zu lesen, liest weiter. Bis zur letzten Seite – und die trägt immerhin die Nummer 130. Danach kann man dann in Ruhe den beigelegten Terminkalender für die Sommermonate durchforsten und Wochenendausflüge planen, zum Beispiel mit den Ausschneidekarten für “Kurztrips in die Heimat”.

“Wer in Niedersachsen braucht so etwas?”, werden einige sich fragen. Niedersachsen ist groß und landschaftlich wie gesellschaftlich sehr heterogen. Die ganze Vielfalt kann sich einem nur erschließen, wenn man auf Entdeckungstour geht. Und dafür liefert Echt.Niedersachsen Starthilfe. Diesen Eindruck können mir als Zugezogene waschechte Niedersächsinnen und Niedersachsen auch bestätigen.

Warum soll ich das lesen?
Für die Nicht-Niedersächsinnen und -Niedersachsen: Egal ob Berg, Meer oder plattes Land, das alles gibt es in Niedersachsen und zwar auch einfach aus den umliegenden Bundesländern zu erreichen. Wo genau es sich besonders lohnt hinzufahren, erfahre ich in Echt.Niedersachsen. Und auch, was gerade so außer der Familie Wulff in Niedersachsen geht.

Für die Niedersächsinnen und Niedersachsen: Weil du das Erdbeer-Café um die Ecke schon kennst, genauso wie deinen Lieblingswanderweg. Einfach mal aus raus den Puschen und mal was anderes ausprobieren.

Risiken und Nebenwirkungen
Wenn es ganz arg läuft: ein neuer Wohnsitz. Aber auf jeden Fall ein paar vermeintlich spießige innerdeutsche Trips mehr im Kalender und vielleicht ein paar Kilogramm mehr auf der Waage (wie das halt so ist mit Rezepterubriken).

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Hanna Forys

Lodestars Anthology

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Schottland ist ja das Land der Highland-Krieger, der Clans und Dudelsäcke, Nessie und frittierten Snickers. So viel zu den Klischees. Ich bin selbst schon für ein paar Monate dort gewesen und kann so viel sagen: Ein publikumsscheues Tiefseemonster habe ich nie erblickt und das Snickers habe ich mir auch gespart.

Schottland ist auch ein stolzes Land, das bei einem Referendum 2014 nur knapp die Unabhängigkeit verfehlt hat. Das Magazin Lodestars zollt der Landeskultur Respekt und will dabei zeigen, was Schottland ausmacht. Wertvolle Links und Ausgehtipps inklusive. Was das im halbjährlichen Rhythmus erscheinde Bookzine zu einem ziemlich coolen Reiseführer macht. Jede Ausgabe widmet sich einem anderen Land und nach England und Schottland geht es danach hoffentlich auch mal weiter weg. Lonely Planet kann dann einpacken.

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Dabei ist Lodestars weniger ein Magazin und mehr, das sagt ja schon der Name, eine Anthologie von Berichten, Geschichten und ausführlichen Essays. Großformatige Fotographien zeigen mal die kühle Eleganz der Highlands, mal Schlösser, Wiesen, Felder oder Möwen. Aber fast nie Menschen. Lodestars ist schließlich kein Touri-Führer, wenigstens keiner der konventionellen Art.

Von Edinburgh zum Loch Lomond, zur Isle of Skye, über einen Abstecher auf die Shetland-Inseln bis nach Aberdeen: Lodestars macht viele Vorschläge, abzutauchen. Und wenn auch nur zwischen zwei Buchdeckeln.

Warum soll ich das lesen?
Schottland ist ein Land der Poeten, voller rauer Schönheit und gutem Whiskey. Und das ist alles drin in Lodestars.

Risiken und Nebenwirkungen
Allerdings nicht Christopher Lambert. Sorry!

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Sven Job

Lost

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Über 300 Seiten dick, aber in einem handlichen Format, das wunderbar in den Backpack-Rucksack oder wahlweise die Handtasche passt – und trotzdem wäre das neue Magazin Lost fast nie bei uns angekommen. Das dachten wir uns zumindest, bis nach langer Wartezeit endlich dieses Paket im Briefkasten lag, über und über mit bunten Briefmarken zugeklebt. Es ist ein weiter Weg aus Shanghai bis ins beschauliche Köln!

Aber das Warten hat sich gelohnt. Lost handelt vom Reisen, über die Begegnungen mit Menschen und wie es sich anfühlt, fremde Kulturkreise kennenzulernen. Dabei geht es aber nicht um die Jagd nach dem weißesten Strand, dem tollsten Dubai-Selfie oder der verrücktesten Kanu-Fahrt im Kongo, um damit später in Facebook anzugeben. Nein, bei Lost geht es um das Verloren-Gehen, denn hier ist der Weg das Ziel.

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Die erste Ausgabe ist vollgepackt mit Geschichten von Reisenden, die sich auf eigene Faust durchschlagen, um Land und Leute kennenzulernen. Und auf ihren abenteuerlichen Trips Erfahrungen machen, mit denen sie selbst am wenigsten gerechnet haben. So erzählt ein Mann, wie er sich als einziger ausländischer Tourist mitten im Arabischen Frühling in Kairo wiederfand – und erst mal damit klarkommen musste, was das bedeutet, “Ausgangssperre”. Und eine junge Frau erzählt, was sie bei ihrer Reise durch Japan erlebte – dass die meisten Japaner kein Englisch sprechen, hielt sie nicht davon ab, neue Freundschaften zu schließen, selbst wenn sie sich dafür mit Hand und Fuß mitteilen musste. Diese Erzählungen machen Lost aus und sind zugleich weit entfernt von Pauschalreisen mit Animationsprogramm. Aber dafür umso aufregender.

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Die Texte sind in englisch und chinesisch gehalten und die wunderschönen Reise-Fotos von Lhasa, Osaka, Vietnam, den Pyramiden oder dem Gelben Meer ergänzen diese Reiseberichte auf angenehme Art. Sie sind nicht perfekt und nicht geschönt, auf manchen ist die einsame Schönheit der Natur zu sehen, andere sind verwackelte Schnappschüsse von flüchtigen Bekanntschaften oder vergilbte Familienfotos.

Lost weckt die Lust, sich auf eine Reise zu begeben, irgendwohin, wo man noch niemals war. Und sich dabei selbst besser zu verstehen. Oder, in den Worten des Magazins: “Travelling can be an opportunity to let us abandon ourselves, face the world, open a path, humble ourselves, and to bring back what we have gained.”

Warum soll ich das lesen?
Wer verloren geht, kann auch gefunden werden.

Risiken und Nebenwirkungen
Das kann auch mal eine Weile dauern.

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Sven Job

Shift

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Der aufmerksame Leser wird es wissen: Jedes Magazin darf bei uns nur einmal auf die Bühne. Selten, aber nur ganz selten, besprechen wir eine Publikation zum wiederholten Male. So wie wir es bei der zweiten Ausgabe von Daniel Hölys Shift tun.

Warum machen wir eine Ausnahme? Nach dem von uns bereits besprochenen Testballon 2013, geht Shift mit erfolgreicher Crowdfunding-Kampagne im Rücken an den Start und soll ab jetzt vierteljährlich erscheinen. Und wie man ja auch wissen will, was die Kinder so machen, sobald sie aus dem Haus sind, nehmen wir Shift erneut zur Hand. Hallo, du bist ja erwachsen geworden! Bereit für den Ernst des Lebens?

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Break. Diese Ausgabe tritt inhaltlich auf die Bremse. Auf über 120 Seiten handelt das Heft von Entschleunigung, vom Aussteigen, Innehalten und Pausieren. Entstanden sind ganz unterschiedliche Texte und Betrachtungen. Hilfreich ist dabei die übersichtliche Darstellung auf dem Backcover des Magazins, denn ohne läuft man schnell Gefahr, sich in der Themenvielfalt zu verlieren. Die Einteilung in die Kernrubriken “Hirn”, “Herz” und “Horizont” soll dem Leser helfen, die Übersicht zu bewahren, auch wenn die Zuordnung nicht immer ganz schlüssig ist. Oder aber man blättert Shift nach Herzenslust einfach so durch und pfeift auf die Dramaturgie des Hefts.

Shift ist ein selbstbewusstes Bekenntnis zu Print und das Zeugnis von Daniel Hölys Beharrlichkeit und Enthusiasmus. Die zweite Premiere ist mehr als geglückt, auch durch massiven Social Media-Einsatz und die damit verbundene große Aufmerksamkeit. Eine Etablierung auf dem Markt wäre Shift mehr als gegönnt.

Warum soll ich das lesen?
Weil gute Gesellschaftsmagazine immer noch rar sind.

Risiken und Nebenwirkung
Der Leser möchte aus dem Shift-Paradies abgeholt werden.

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Florian Tomaszewski

ACTORSmagazine

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Das Magazin ACTORSmagazine will dem Leser durch Portraits und Interviews ausschließlich Schauspielerinnen und Schauspieler der hiesigen TV-Szene näher bringen. Ob es dabei von Vorteil ist, dass einem in der ersten Ausgabe gleich Simone Thomalla mit Pelzmütze entgegenspringt? Das muss jeder selbst entscheiden.

Wer ausführliche Portraits der jeweiligen Personen erwartet, dürfte von ACTORSmagazine enttäuscht sein. Äußerlich edel, bleibt der Inhalt hinter den Erwartungen zurück. Es werden biografische Stationen abgehandelt und das persönliche Treffen mit der Prominenz wird im Plauderton der Vox-Sendung “Prominent” kommentiert, wie im Text zu eben jener Simone Thomalla (“Erster Eindruck: Viel schlanker als im Fernsehen.”). Statt wirklich Interessantes zu fragen, behandeln die weiteren Interviews im Heft eher boulevardeske Themen (“Wie lange sind Sie und Ihr Mann schon zusammen?”). Aufschlussreiche Gespräche kommen so kaum zustande, auch weil die Fragen mitunter wie in einem Verhör gestellt werden (“Wie alt sind Ihre Jungs und wie heißen sie?”). Als Leser kommt man den vorgestellten Personen nicht wirklich näher, das gelingt dem Interviewmagazin Galore deutlich besser.

Rätselhaft bleibt, an wen sich ACTORSmagazine richtet. Wer etwas über Promis erfahren will, der greift wohl zu den üblichen Klatschmagazinen. Für den Film- und Fernsehfreund, der sich informative Einblicke in die Branche wünscht, ist ACTORSmagazine zu oberflächlich.

Warum soll ich das lesen?
Simone Thomalla in Pelzmütze? Du bist neugierig geworden.

Risiken und Nebenwirkung
Ist das echter Pelz? Du kommst schneller in den Boulevard-Modus als Du denkst.

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Florian Tomaszewski

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