The Great Discontent

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The Great Discontent ist ein New Yorker Online-Magazin, das sich in seinem dritten Jahr und damit auch seiner dritten Print-Inkarnation dem Möglichen verschrieben hat. “The Possibility Issue” spielt mit diesem Thema schon auf der ersten Seite, indem es mit Alison Sudol (die früher Musik machte unter dem Namen A Fine Frenzy), Sam Beam von der Indie-Formation Iron & Wine und Tei Shi drei Musiker drei mögliche Cover-Varianten zieren lässt. Dem in nichts nach stehen andere solche “Macher”, die das Heft auf seinen Seiten versammelt. Chefredakteurin Tina Essmaker nennt sie auch “those who have dared to push the boundaries of what is achievable”, also diejenigen, die das Risiko eingegangen sind, die Grenzen des Erreichbaren weiter auszuloten, als es zunächst möglich schien.

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Das Heft liefert Werkstatt- und ganze Lebenseinblicke, fokussiert dabei auch die Anfänge und Risiken, die kreatives Schaffen mit sich bringt. Der Ton ist dabei stets ungekünstelt und erfrischend lebensnah: Meist in der Form von langen, aufschlussreichen Interviews und kurzen Features. Künstler, Kuratoren, Designer, Fotografen, Schauspieler und Musiker geben Auskunft über ihr Leben und Wirken. Und das Heft gibt ihnen Platz: Großformatig, stellenweise auch auf Hochglanz, sodass sich eine angenehme und anregende Balance einstellt: Neuartiges sehen – jeder Künstler wird durch sein Werk vorgestellt. Dadurch entsteht die Neugier, Einblick in das Leben eines Anderen zu bekommen, der dieses Stück Kunst geschaffen hat.

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Warum soll ich das lesen?
Bevor der Sommer reinplatzt: Noch ein bisschen Frühjahrsputz für Dein unter Verantwortlichkeiten und alltäglicher Routine verstaubtes Hirn. Frisch.

Risiken und Nebenwirkungen
Ist es schon zu spät? Die Gretchenfrage aus dem Vorwort führt ab sofort ihr ganz eigenes Leben in Deinem Kopf: “Has my window of opportunity passed?”

> The Great Discontent Magazine

Manuel Niemann

Bricks

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Jeder kennt die bunten Steine aus seiner Kindheit. Lego, das ist was für Kinder. Oder?

Stimmt nicht. Denn was früher dem Familienvater die Eisenbahn im Keller war und seinem Vater davor die Briefmarkensammlung, das ist heute für viele Lego. Nämlich ein Hobby, dem ich mich auch als Erwachsener widmen darf.

Seit 15 Jahren hat sich eine Szene erwachsener Bastler und Sammler entwickelt, die sich in Clubs organisieren und auf Conventions zusammenkommen. Zu finden sind AFOLs (Adult Fan of Lego) eigentlich überall, aber in den Staaten, UK und Deutschland sind sie besonders präsent. Klingt erst einmal alles total geeky, kennt man ja von Star Trek-Fans, die sich verkleiden, von Rollenspielern, die sich zu Brettspielabenden mit Kerkern und Drachen verabreden. Auch hier geht die Geek-Rechnung auf, oberflächlich betrachtet. Spielzeug und Star Wars: Wie sich zeigte, passen diese beiden Fan-Lager sehr gut zusammen. Eigentlich  total logisch.

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Mit Bricks ist nun in UK ein Magazin erschienen, das die Begeisterung für die kleinen Steine auf eine neue Ebene hebt. Denn es richtet sich explizit an die erwachsenen Spieler, Konstrukteure und Sammler. Hier gibt’s keine Comics, keine Gimmicks, keine Verweise auf die Animations-Serien, die mittlerweile zum Franchise gehören wie der rote Stein mit acht Noppen.

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Sondern: Ausführliche Berichte zu neuen Sets, etwa ein Star Wars Wookie-Ship oder ein riesiger Flugzeugträger (der “Helicarrier”) aus dem Avengers-Franchise. Aber Bricks ist kein Werbeheftchen für neues Spielzeug. In ausführlichen Interviews erzählen Fans von ihrem Hobby und zeigen ihre Konstruktionen, etwa Düsenjets und alte Formel 1-Chassis. Und die sind oft viel aufwändiger, detailreicher und komplexer als “echte” Sets von Lego, die man in jedem Geschäft kaufen kann. Natürlich finden aber auch die Beachtung, z.B. beim Blick zurück zum legendären Gelben Ritterschloss aus den frühen Achtzigern. Lego ist nicht nur eine Möglichkeit, sich kreativ auszutoben, es ist immer auch eine große Nostalgie-Kiste.

Mit 120 Seiten liegt Bricks gut in der Hand, in einem anständigem (vielleicht etwas zu vollgestopftem) Layout und mit ernsthaftem Zugang zum Thema. Kann man sich tatsächlich auf den Couchtisch neben den Spiegel legen. Falls den noch jemand liest.

Warum soll ich das lesen?
Bier brauen, Topflappen häkeln, Sternenzerstörer bauen: Jeder braucht ein Guilty Pleasure. Das hier wäre doch ein guter Anfang.

Risiken und Nebenwirkungen
Wenn Du nachts auf dem Weg zur Toilette auf einen Lego-Stein trittst, tut das immer noch genauso weh wie vor 20 Jahren.

Die zweite Ausgabe von Bricks ist soeben erschienen.

> Bricks online

Sven Job

National Geographic Traveler

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Sommerzeit ist Reisezeit. Ob es nun in die Berge, an das Meer oder in den Dschungel geht, warum nicht mit dem passenden Magazin einstimmen? Zum Beispiel mit der deutschen Erstausgabe des National Geographic Traveler, dem “meistgelesenen Reisemagazin der Welt”. Die englische Ausgabe des Traveler, herausgegeben von der altehrwürdigen National Geographic Society, befeuert seit 1984 das Fernweh seiner Leser. Nach über 30 Jahren dürfen also auch wir uns mit dem Heft an ferne Orte träumen. Den großen Bruder National Geographic Deutschland gibt es hierzulande immerhin schon seit 1999, herausgegeben von Gruner + Jahr .

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National Geographic Traveler punktet mit wunderbaren, großformatigen Bildern und packt die Welt auf knapp 115 Seiten. Bali, Tel Aviv, Kenia, Haie in Australien oder gleich die schönsten Nationalparks Amerikas: Mit der ersten Ausgabe setzt man auf die Big Points und geht so auf Nummer sicher. Im Stile der klassischen Reisereportage sind die Artikel in der Ich-Form geschrieben und erhöhen den Lesespaß damit deutlich. Allerdings bleibt National Geographic Traveler in seiner Die-Welt-ist-schön-Haltung auch recht oberflächlich. Doch schließlich soll die Vorfreude auf das Abenteuer angeregt werden, der Leser auch mal träumen dürfen. Das böse Erwachen kommt spätestens dann, wenn der Hai zubeißt.

Warum soll ich das lesen?
Du zählst schon die Tage bis zu Deinem nächsten Urlaub. National Geographic Traveler hilft Dir dabei, durchzuhalten.

Risken und Nebenwirkungen
Dein Chef erwischt Dich beim Lesen. Du hast nun ausreichend Zeit, die nächste Reise zu planen.

> National Geographic Traveler online

Florian Tomaszewski

InSerie

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Mittlerweile schaut jeder - von Deinem Chef bis zu Deiner Mutter -  Serien und kann über das Ende von Breaking Bad oder die Frauengeschichten von Don Draper stundenlang monologisieren. Trotzdem fehlt immer noch ein ernstzunehmendes Magazin zur Materie auf dem deutschen Print-Markt. torrent unternahm 2012 den Versuch, die serielle Erzählung als Gegenstand eine Magazins zu etablieren, musste jedoch nach drei Ausgaben wieder aufgeben und beschränkt sich momentan auf Podcasts. Ein Grund für die Schwierigkeit, über Serien zu schreiben, liegt an ihrer uneinheitlichen Rezeption. Während der eine durch das Internet immer auf dem aktuellen Stand englischsprachiger Serien ist, wartet der andere auf den deutschen DVD-Relase oder das passende Angebot bei seinem Streaming-Dienst. Bei einer Berichterstattung schwingt also immer die Gefahr mit, an einer Zielgruppe vorbeizuschreiben. Für die einen hinkt der Autor hinterher und liefert nichts Neues, für die anderen ist er schon viel zu weit und er riskiert – ein Reizwort unter Serienfans – den Spoiler. Das Eis ist also immer dünn. Trotzdem wagt sich jetzt InSerie aus dem Heinrich Bauer Verlag darauf.

Anders als torrent geht InSerie dabei nicht allzu sehr in die Tiefe. Im Stile einer TV-Zeitschrift, das Heft ist ein Ableger von TV Movie, werden die jeweiligen Serien mit wenigen Sätzen vorgestellt, mögliche Spoiler werden einfach kopfstehend abgedruckt. Ausführliche Hintergrundberichte sollte der Leser nicht erwarten. InSerie ist vielmehr ein Service-Produkt, das dem Leser eine gewisse Orientierung in der Serienlandschaft bietet, ansonsten jedoch oberflächlich bleibt. Welche Serie läuft mit welcher Staffel auf welchem Streamingdienst? Wer allein das wissen will, ist hier gut bedient. Alle anderen müssen weiterhin auf das passende Magazin warten. Wenn sie bei all den Serien überhaupt zum Lesen kommen.

Warum soll ich das lesen?
Weil Du längst den Überblick verloren hast und Hilfe brauchst.

Risiken und Nebenwirkungen
InSerie macht Dich auf noch mehr Serien aufmerksam. Deine Freunde werden Dich in nächster Zeit noch seltener sehen.

> InSerie Leseprobe

Florian Tomaszewski

Walden

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Wann ist ein Mann ein Mann? Glaubt man dem Magazin Walden aus dem Hause Gruner + Jahr, wenn er unter anderem die richtige Arschbomben- und Paddeltechnik beherrscht. Das Magazin bedient die aktuelle Sehnsucht gestresster Büromenschen nach Natur und Abenteuer, gepaart mit einer kernigen Rhetorik und Pfadfinder-Romantik. Das aber durchaus unterhaltsam und gelegentlich blitzt gar etwas Ironie durch die schön gestalteten Seiten.

Raus ins Grüne soll es also gehen. Aber bitte nicht zu weit. Statt mit exotischen, aber für die meisten auch unerreichbaren Abenteuern zu prahlen, beschränkt Walden sich bewusst auf den Reiz der Heimat. Statt Amazonas eben die Mecklenburgische Seenplatte. Da reicht auch das lange Wochenende aus und für ein paar knackige Geschichten am Montagmorgen im Büro ebenfalls.

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Die Lust an Outdoor, Wald und Wiese versteht Walden durchaus zu vermitteln. Auf über 130 Seiten findet der Leser schöne Illustrationen, hilfreiche Tipps wie die schönsten Zeltplätze Deutschlands und spannende Reportagen. Das Heft erlaubt sich sogar Extravaganzen wie einen beigelegten “Field Guide” für den Frühling und eine ausfaltbare Karte des Karwendelgebirges. Wenn dann noch eine Anleitung für Dylans Lagerfeuer-Klassiker “Blowin’ In The Wind” Humor beweist, ist die Premiere gelungen. Im Herbst soll es eine Fortsetzung geben.

Warum soll ich das lesen?
Das größte Abenteuer ist für Dich bisher die Zusammenführung zweier Excel-Tabellen? Du solltest mal einen Blick in Walden werfen.

Risiken und Nebenwirkungen
Ein Wochenende voller Mückenstiche und ungewohnter Geräusche lässt für Dich nur einen Schluss zu: zurück zum Beton. Das passende Magazin gibt es bestimmt auch bald.

> Walden online

Florian Tomaszewski

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