39Null

Das “Magazin für Gesellschaft und Kultur” liegt mittlerweile druckfrisch in den Regalen und auf unserem Tisch. Und widmet sich in der ersten Ausgabe einer brennenden Frage: Als Kreativer gut und glücklich in der Provinz bleiben – geht das?

“Um kreativ zu sein, braucht es keine Metropolen”

Wer mit und im Optimalfall auch von seiner kreativen Arbeit leben will, den zieht es für gewöhnlich in die Stadt, wo es schon viele Kreative gibt. Berlin, Rom oder Wien – diese Vorstellung haben zumindest viele, weil diese Städte als kulturelle und kreative Zentren gelten. Für das Studium und später auf Arbeitssuche ziehen deshalb die Meisten weg aus ihren Kleinstädten und Dörfern, um in der “großen” Stadt ihr Glück zu suchen.

Aber auch das Land hat viel zu bieten und kann den Kreativen eine Heimat sein – unter diesem Gesichtspunkt ist das Gesellschaftsmagazin 39Null angetreten, eine Bresche für die kreative Szene des Südtiroler Landes zu schlagen. Bei Südtirol denken viele an Wintersport und Urlaub in den Bergen, doch die autonome Region, ganz im Norden Italiens, ist mehr als das: Sie ist ein Knotenpunkt im Herzen Europas, wo sich deutsche und italienische Einflüsse begegnen, Ost und West in den Alpen aufeinander treffen.


Wie definieren sich kreative Milieus auf der einen, Kreativghettos auf der anderen Seite? Was kann die Politik, was die Gesellschaft tun, um Anreize für die Entwicklung kreative Cluster abseits urbaner Zentren zu schaffen? Wie lässt sich der “kreative Brain Drain” verhindern? Zu Wort kommen dabei u.a. der Schriftsteller Toni Bernhart oder der Konzertpianist und Kulturmanager Peter Paul Kainrath. Designer, Bildhauer, Künstler und Journalisten legen ihre eigene Sicht auf die Region und ihren Status dar. Und schließlich erörtern der Regionalentwickler Konrad Meßner und die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Mayerhofer, wie die Verbindung von ländlicher Idylle und Kreativwirtschaft gelingen kann.

Möglich gemacht wurde 39Null übrigens über die Crowdfunding-Site Krautreporter, die sich auf journalistische Projekte spezialisiert hat – und ein voller Erfolg ist. Für 39Null haben 99 Unterstützer das Magazin mitfinanziert.

Warum soll ich das lesen?
Destination: Südtirol!

Risiken und Nebenwirkungen
Vielleicht bleibst Du nach der Lektüre von 39Null im schwäbischen Sindelfingen und ziehst nicht nach Berlin. Schließlich kann man dort auch schön Latte macchiato trinken.

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Sven Job

Der Zombie

In diesem Jahr, in dem Brad Pitt in seinem erfolgreichstem Film gegen die Zombie-Apokalypse ankämpft und die Fernsehserie “The Walking Dead” neben den Wohnzimmern auch die Feuilletons erobert, ist klar: Zombies sind in der popkulturellen Gesellschaftsmitte angekommen. Dass ein neues Magazin zum Thema Horror-Film-Kultur sich Der Zombie – Das Magazin für phantastische Filme und filmische Pop-Kultur nennt, wirkt daher naheliegend.

Wenigstens wirkt es so: Denn mit dieser Öffnung zum Mainstream hat das Magazin nicht viel mehr gemeinsam als die Faszination mit den Untoten. Das Motto von Der Zombie muss wohl eher lauten: Holt den Zombie aus den Hipster-Zirkeln und zurück in die spärlich belichtete Gruft der Videothekenkultur. B-Movies und Trash-Kultur sind hier die Stichworte. Eine Liebe zur guten alten VHS, sicherlich der Zombie unter den Datenträgern, und zum Geruch verstaubter Videothekenregale wäre keine schlechte Voraussetzung für die Lektüre dieses Magazins. Denn Der Zombie ist ein Heft für Geeks und Sammler; es kommt mit Klammern, um es in den passenden Ordner im Zombie-Design abzuheften – der König aller Geeks Sheldon Cooper hätte seine Freude daran.


Wenn ein Zombie ein lebender Toter ist, also etwas, das eigentlich nicht mehr existiert, aber auch noch nicht so ganz verschwunden ist, dann steht er hier bildlich für eine Film-und-Videotheken-Kultur, die im Internetzeitalter schon fast wie verwest wirken muss. Noch hat diese Kultur aber ihre Anhänger und Der Zombie ist der beste Beleg dafür. Den Erinnerungen und Anekdoten der Fans von damals wird ein eigener Platz eingeräumt. Dort erzählen die Splatterfans dann sozusagen ihre eigenen “Geschichten aus der Gruft”.


In jedem Heft, so kündigt Herausgeber und Chefredakteur Markus Haage an, soll eine andere klassische Horror-Filmreihe im Fokus stehen – in der Erstausgabe wird die “Tanz der Teufel”-Reihe auseinandergenommen. Die Filme werden auf all die kleinen Details und Produktionsanekdoten hin “seziert”, gedacht für Leute, die sich auch bei DVDs die Audio-Kommentare des Regisseurs anhören. Oder vielmehr die Kommentare von dem Typen, der für die Splatter-Effekte verantwortlich ist.

Warum soll ich das lesen?
Du darfst in Erinnerungen schwelgen, wie Du Dir damals die ungekürzte Fassung dieses einen Slasher-Films aus Amsterdam besorgt hast. Oder Du liest über Menschen, die derartige Erinnerungen haben.

Risiken und Nebenwirkungen
Die “Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien” liest sicher mit.

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Ulrich Mathias Gerr

Andere Länder, andere Blätter: Irland

Voll auf die Presse war für Euch auf Auslandseinsatz. Was wird so gelesen in, sagen wir mal, Irland?

Knallhart im Kiosk an der Ecke in Dublin abfotografiert, ein kleiner Einblick auf die publizistischen Nischen der Insel. Nicht repräsentativ, aber doch irgendwie erkenntnisreich.


Die Iren sind sportbegeistert.


Heldenverehrung? Irgendwie schon.


Auch nach brisantem Material muss man im gut sortierten Einzelhandel nicht lange suchen.


Eigentlich nicht Irlands, sondern “Britain’s No. 1 True Crime Quarterly”. Sehen wir mal nicht so eng, dafür wird uns schon niemand erschlagen.


Definitiv näher dran an der Wirklichkeit als Der Landser, in dem bekanntlich fiktive “Erfahrungsberichte” stehen.


Die irische Titanic.


Wer ein Buch liest, wird aber schon mal erschlagen.

Am Ende des Tages ist nur eines wichtig: Was machen die Royals? Sogar in Irland.


Und dann ist da noch das.

Sven Job

HΛNT

Wer sich einige Zeit mit Magazinen beschäftigt, wird feststellen, das es an einem sicher nicht mangelt: Magazine für Fotografie. Mit Der Greif, dienacht oder zuletzt Still, nur um eine Auswahl zu nennen, haben auch wir Vertreter des Genres vorgestelltKaum glauben wir, das Feld nun abgeerntet zu haben, flattert HΛNT ins Haus.

(c) HΛNT Magazin

Die erste Ausgabe des Erfurter Magazins trägt den wunderbaren Titel “Butterfahrt nach Bangladesch” und widmet sich der Reise “in die Ungewissheit und auf fremde Pfade”. Klar, so ein Thema bietet Raum für Spielereien und Abstraktion. Wer exotische Reisefotografie erwartet, wird enttäuscht sein, denn die jungen Herausgeber schauen sich erst einmal in der Heimat um. Plattenbau, die gedeckte Kaffeetafel, Einkaufsdörfer. Eine Ausnahme bildet einzig die Bilderserie “Road 99″, eine fotografische Expedition durch Israel von Paul-Ruben Mundthal, die dem klassischen Reisejournalismus noch am nächsten kommt.

(c) HΛNT Magazin

HΛNT ist ein ehrgeiziges Projekt und wird erfreulicherweise Mitte September mit der zweiten Ausgabe fortgesetzt. Denn wer sich einige Zeit mit Magazinen beschäftigt, wird auch feststellen, dass es an einer Sache ebenfalls nicht mangelt: Idealismus und Leidenschaft. Wir sind bei euch!

Warum soll ich das lesen?
Keine Sorge, Du musst nicht viel lesen. Schau Dir die schönen Bilder an.

Risiken und Nebenwirkungen
Vielleicht verlierst Du bei all den Magazinen für Fotografie bald den Überblick.

> HΛNT online

Florian Tomaszewski

Krachkultur

Eines vorweg: das Magazin Krachkultur ist das Gegenteil von Erbauungsliteratur. Es ist kein Reader’s Digest, sondern ein Reader’s Indigestive. Die nun vorliegenden Ausgabe 15 markiert gleichzeitig das 20. Jahr, in dem das Magazin erscheint. Nach wie vor ist Krachkultur dabei Sammelbecken der Outsider-Literatur und Beatnik-Szene. Und das zu Zeiten, als es Outsider–Literatur und Beatnik-Szene gar nicht (mehr) gab.

Ein inhaltlicher Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe ist die “neue Härte in der weiblichen US-Literatur”. Denn es gibt eine Generation junger Schriftstellerinnen, die für Herausgeber Martin Brinkmann nur wenig mit ihren vermeintlichen deutschen Pendants wie Helene Hegemann und Charlotte Roche gemeinsam haben. Deutlich wird das in den fragmentarisch erzählten Gedanken zur Farbe “Blau”, eine Art lyrische Phänomenologie von Maggie Nelson, die mehr als alles andere den Blues sucht. Oder “Arizona” von Elizabeth Ellen, eine Meditation über White Trash und das Erwachsenwerden einer Generation, deren Eltern selbst nie erwachsen geworden sind – und sich dabei ewig im Kreis drehen: So kann sich die Mutter der Teenager-Protagonistin vielleicht Nacht um Nacht freivögeln, aber wenn sie jeden Morgen danach im immergleichen Arizona aufwacht, ist daraus nichts gewonnen. Dann wären da noch die deprimierenden Beobachtungen über das Sterben von Amy Hempel, eine Art “Tod zu Zeiten des Gefällt-Mir-Buttons”. Doch was für einen Film nach dem Tod darf erwarten, wem schon im Leben nur die Sätze aus dem “Unnützes Wissen”-Heft der Neon einfallen?

Krachkultur darf man nicht als lockere Lektüre für zwischendurch verstehen: Vielleicht zieht es einen zuweilen runter, aber dafür ist und bleibt es ein Abbild der Realität. An vielen Stellen scheint die Erkenntnis durch: Es gibt kein Happy End, nicht einmal für die Schönen und Reichen, deren Töchter Namen wie “Star” oder “Fame” tragen, in Lofts wohnen und zum Schönheitschirurgen gehen wie Katholiken zur Beichte – regelmäßig und als Ersatz für die Psychotherapie (Torsten Wohlleben in der Geschichte “Glatt”). Denn das wahre Leben ist keine Soap Opera. Es hat keinen Cliffhanger und kennt nur ein Ende. Bis es soweit ist, wird es von den großen und kleinen Momenten durchbrochen, den Beobachtungen und Stilisierungen dessen, was ist. Und genau diese literarische Ohrfeige verteilt Krachkultur, ästhetisch und gnadenlos.

Warum soll ich das lesen?
“Kunst ist nicht ein Spiegel, sondern ein Hammer.” Hat schon Karl Marx gesagt.

Risiken und Nebenwirkungen
In Krachkultur verpasst Dir die Realität ein paar knallharte Schläge ins Gesicht. Wenn Du Dich traust.

> Krachkultur online

Ulrich Mathias Gerr

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