Datum

Vor einiger Zeit haben wir nach Bayern geblickt, im grenzüberschreitenden Alpenraum waren wir auch schon. Irgendwo dahinter kommt: Österreich. Datum ist ein Gesellschaftsmagazin. Damit ist schon sehr viel gesagt. Leider – denn was gibt es noch mitzuteilen zu einem gut gemachten und gut gemeinten, stilsicheren, nicht zu drögen, nicht zu knalligen Heft? Gemacht für den Sonntagmorgen bei frischen Brötchen und Röstkaffee, im Kreise der Familie? Was gibt es da zu lamentieren, zu beklagen oder ins Lächerliche zu ziehen?


Eben: nichts. Datum macht seine Sache vorzüglich. Sorry! Die Aufmacher-Story behandelt mit “Homeschooling” ein klassisches Eltern-Thema, ein paar Seiten geht uns “Übergewicht” alle an, und zum Schluss wird es mit der Entdeckung von Lachgas für medizinische Zwecke sogar historisch. Die geisterhaften Bilder vom Dreischluchtendamm in China könnten in ihrer Schönheit auch in einem Fotografie-Magazin abgedruckt sein. In einem wohldosierten Heft reihen sich so Reportage, Glosse, Geschichte, Kunst und Zeitgeschehen mit österreichischer Note harmonisch aneinander. Vielleicht zu harmonisch. Im Grunde aber sehr in Ordnung.

Warum soll ich das lesen?
Für das “Alphabet zur Lage der Nation”. Den Österreicher neu begreifen!

Risiken und Nebenwirkungen
Keine. Aber das hat man über Lachgas auch gesagt.

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Sven Job

Paradiso

Keine Wolken und römische Ruinen. In der Schönheit der Toskana schwelgen, während die Juni-Sonne blendet. Mozzarella, frisch vom Büffel! Paradiso ist ein Reisemagazin, keine Frage: Von Berlin aus also in die ganze Welt. Für die Haute Volée? Nein, vielmehr für die Generation Latte Macchiato. Doch gleichzeitig ist es die High Society, die den Glamour verströmt, von dem das Heft ein bisschen zehrt. Mit ihm auch Italien als Reiseort der Schönen und Berühmten, der Wissenden und Genießer.

Und wenn also von Italien die Rede ist, dann vom besten Restaurant des Landes. Von den vielsagenden Körpergesten, mit denen die Italiener sich so gerne verständigen (und beleidigen). Wir erhalten Einblick in das High Life auf dem Monte Argentario, wo Jackie Kennedy ihre Sommer verbrachte. Ein Essay erzählt von Tamara und wie sie die natürliche Landwirtschaft für sich entdeckt hat.

Doch ist auch von dem politischen Italien die Rede – einem Thema, bei dem die ganze Widersprüchlichkeit des Landes zum Vorschein kommt. Im Land von Berlusconi und Antikommunismus ist andererseits eine starke intellektuelle Linke zuhause. Italien steht für Genuss und Mafia. Für das schöne Leben, aber auch Illusion und Ohnmacht, für Religion und Lebensfreude. Und schließlich ist Italien ein großes Projekt mit reichem Norden und armen Süden; ein Staatengebilde, nur knappe 150 Jahre alt.

So ambivalent kommt das alles in Paradiso nicht rüber. Muss es auch nicht – es bleibt ein Reisebegleiter, der Location-Tipps im Programm hat und dazu Kochrezepte. Überzogen wird alles von einem alternativen Touch. Vielleicht ist es aber auch ernsthaftes Interesse für Land und Leute.

Warum soll ich das lesen?
Es wird bestimmt wieder warm. Und das Leben wieder schön.

Risiken und Nebenwirkungen
Immer die Touristen. Vielleicht wirken sie aber nicht wie welche. Mit Paradiso.

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Sven Job

Missy Magazine

Eine EMMA in hip, mit Glitzer und Turbovibratoren? Brauch ich nicht. Bin ich drüber. “We don’t think so. Deshalb Missy” widersprechen die Missy-Macherinnen auf ihrer Facebook-Seite. Mal sehen.

Das Missy Magazine erscheint viermal im Jahr, kostet im Abo schnuckelige 18 Euro und verarztet auf den ersten Blick alle Rubriken, mit der auch eine Brigitte Young Miss zu ihrer Zeit aufmachte und heute vermutlich aufmachen würde: Mode, Musik, Film, Reise, Literatur, Rezepte und Reportagen. Und: Lady Gaga. Als “Hermaphrodit im Fleischkleid das perfekte Symbol für die aktuellen gesellschaftlichen Umbrüche” heißt es in der aktuellen Ausgabe. Aha. Queertheorie? Dekonstruktion? Und es geht weiter: Ein Vulva-Spiegel? Pinkifizierung? Selbstbefriedigung gegen Regelschmerzen? Gut. Vielleicht sind es die gleichen Themen, aber definitiv aus einer anderen Perspektive.

Missy sorgt für Reibung – und das nicht nur untenrum

Der Blickwinkel der Missies ist nicht immer easy. Schnell bekommt frau als Leserin den Eindruck, wer Fleisch isst, in einer monogamen Ehe lebt und Texte nicht gendert, begehe ein Verbrechen an der weiblichen Weltbevölkerung (not pc!). Andererseits hat auch niemand behauptet, dass Feminismus einfach ist. Und wie die Veröffentlichung von teils sehr kritischen Leserinnenbriefen und die Reaktion der Missy-Macherinnen darauf zeigt: Keine Zeile verlässt die Missy-Redaktion, ohne dass vorher ihre mögliche Rezeption diskutiert wurde. Während Zeitschriften wie die Young Miss vornehmlich der Unterhaltung dien(t)en, möchte das Missy Magazine mehr als das sein. Missy sorgt für Reibung – und das nicht nur untenrum. Missy ermöglicht eine öffentliche Diskussion, über Geschlechterverhältnisse in den eben genannten Rubriken oder – anders formuliert – Lebensbereichen. Und was mir besonders wichtig erscheint: Missy hat das Potential, auch Leserinnen aus der A- und B-Jugend anzusprechen.

Missy gibt diesen jungen Frauen zwar keine Erklärungen und Antworten, aber immerhin die Möglichkeit, diese etwas losgelöst vom Mainstream selbst zu entdecken. Hatte ich schon erwähnt, dass das Lesen Spaß macht? Und bei wem diese Argumente nicht ziehen, der/die kann ja immer noch EMMA lesen. Oder den Spiegel.

Was mich angeht: Ich kann ehrlich gesagt auch nach acht Ausgaben immer noch nichts mit den Modestrecken anfangen und inspiziere diese meist in ähnlicher Manier wie IKEA-Montage-Anleitungen: mit verdrehten Augen. Aber hey: who cares? So lange in meiner WG noch genug Platz ist, bin ich ohnehin damit beschäftigt, Becherleuchten, Fahrräder und Hochbeete (nicht Betten!) nach der Mach-Es-Selbst-Anleitung aus den Heften zu bauen. Und da war doch noch was. Achja. Die Regelschmerzen…

Warum soll ich das lesen?
Weil’s Spaß macht! Wem das nicht reicht: Weil hinter den Texten in Missy nicht der übliche männliche Popkulturjournalismus-Klüngel steckt, sondern viele kreative Frauen, die’s drauf haben. Das sollte schon aus Prinzip unterstützt werden.

Risiken und Nebenwirkungen
Häufig (1 bis 10 Leser_innen von 100):
 Du gehst zuerst in deinen nächsten Buchladen und kaufst dir “Das andere Geschlecht” von Simone de Beauvoir und “Gender Trouble” von Judith Butler und eilst dann weiter in den dir vertrauten Musikhandel und kaufst dich durch die in der Missy reviewten Platten.
 Du fängst dann an, nicht nur beim Schreiben, sondern auch beim Reden zu gendern.
Sehr häufig (mehr als 10 Leser_innen von 100): Abhängigkeit. Du schließt ein Abo ab.

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Hanna Forys

der Fritz

Endlich angekommen, ließ ich mich im weichen Gras nieder. Der Wind strich durch die Bäume, Blätterrauschen, eine Libelle flog vorbei und ein Fuchs lugte aus seinem Bau hervor. Plötlzlich tauchte ein Mann auf, in Latzhose und unrasiert, um mir Obst anzubieten. “Selbst angebaut”, gab er schief lächelnd preis und zeigte auf einen kleinen Gemüsegarten, der mir vorher nicht aufgefallen war. Hinter dem Garten war ein Gutshof und aus dem strömten plötzlich scharenweise gutaussehende Menschen, angeführt von einer Polka-Band. Sie schwenkten Gläser mit selbstgebrannten Whiskey. Als Sarah Wiener anfing, mit Gemüse um sich zu werfen, erwachte ich.

Den Kopf noch auf Papier gebettet, wunderte ich mich über den Ursprung dieses herbeigeträumten Zauberlandes. Dann erst betrachtete ich das im Schlaf weichgespeichelte Blatt: der Fritz – Das Magazin für Kultur und Lebensart in Brandenburg. Alles klar!

Warum soll ich das lesen?
Brandenburg: Das Land, in dem Milch und Honig fließen. Rainald Grebe muss sich geirrt haben!

Risken und Nebenwirkungen
Die Verödung von Friedrichshain, denn die Bohème pflanzt jetzt Apfelbäume in der Uckermark.

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Florian Tomaszewski

Hä? Magazin


Im Internet gibt es heute alles zu sehen. Wer ein bisschen stöbert, der findet Dinge, nach denen er nicht mal gesucht hat. Das gilt natürlich auch für Sex. Und alles andere. Beratung und Aufklärung geht darum dieser Tage anders. “Make Love” (Verlag Rogner & Bernhard) ist Teil dieser neuen Welle, ein Buch mit expliziten Abbildungen und unverkrampfter Sprache. Sowohl inhaltlich als formal darf man heute nicht mehr um den heißen Brei reden, um die “Generation Neon” zu erreichen. So die These. Das Titelblatt der dritten Hä? Magazin-Ausgabe scheint da sehr gut reinzupassen. Und der Finger auch.


Das Heft gibt es in den Apotheken der Schweiz, es ist auf lachsfarbenem Altpapier gedruckt. Das gibt ihm einen leicht alternativen Touch. Die abgebildeten Models sehen dementsprechend aus: ein bisschen Indie, ein bisschen H&M - lange Shirts, kurzer Blick. Auf recht clevere Weise haben sich die Macher einen “Look and Feel” abgeschaut, der in Magazinen von skandinavischen Bekleidungsketten bis hin zu britischen Hipster-Bands unsere derzeitigen Jugendstandards durchdekliniert. In den ersten Ausgaben geht es um Schönheitsideale, im dritten um Sex. Da hätte dann eine gewisse Lana Del Rey vielleicht ganz gut reingepasst. Aber Stars fehlen im Heft. Auch schon wieder wunderbar alternativ.

Ach, und übrigens: Der Titel der dritten Ausgabe zeigt Beine, Knie und einen Finger. Schmutzige Phantasie.

Warum soll ich das lesen?
Man kann sich ja mal informieren: Wie geht es “da unten” zu? Also in der Schweiz…

Risiken und Nebenwirkungen
Der Erkenntnisgewinn für den Leser ab 20 hält sich in Grenzen. Oder auch nicht: Über Tattoos kann der Laie in Ausgabe #01 einiges lernen.

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Sven Job

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