Spring

Cover by Romy Blümel

In Hamburg gegründet, vereint die Künstlerinnengruppe SPRING in ihrem “Zeichnerinnenmagazin” seit bald zehn Jahren Comic, Illustration und Kunst im Buchformat. Selbstverwaltet und Nicht-kommerziell. Mittlerweile ist SPRING zu einem wichtigen Netzwerk für Zeichnerinnen in Deutschland geworden und stellt damit auch eine beeindruckende Leistungsschau und ein Experimentierfeld für Künstlerinnen dar. Einmal jährlich wird ein selbstgewähltes Thema umgesetzt; in der aktuellen Ausgabe sogar zum ersten Mal von allen Beteiligten eine gemeinsame Geschichte erzählt: “Reineke F.” von Johann Wolfgang von Goethe. Zwölf Gesänge, zwölf Zeichnerinnen, zwölf Interpretationen.

Das beginnt als niedliche Geschichte im Comic-Strip-Format, aber schon bald lassen sich die Bilder nicht mehr eingrenzen und sprengen jegliche Formatvorgabe. Mit jedem Kapitel wird auch die Umsetzung abstrakter und die Geschichte komplexer. Die Intrigen, Gewalt und Lügen, welche dieser Geschichte innewohnen, spitzen sich zu. Als Service für den Leser wird jeder Gesang einleitend zusammengefasst, sodass man der Erzählung noch folgen und die grafische Umsetzung genießen kann. Schließlich will SPRING ja vor allem ein visuelles Erlebnis sein.

Design by Ludmilla Bartscht

Dieses Erlebnis wird mit jeder Seite intensiver und der Leser taucht in eine knallbunte Bilderwelt ein. Ein Farbenrausch, ein großer, mitunter grausamer Spaß auf über 200 Seiten. SRING steckt voller zügelloser Kreativität, die gleichzeitig verwirrt und begeistert. Die 10. Ausgabe, das Jubiläumsheft, erscheint im August.

Warum soll ich das lesen?
Intrigen, Gewalt und Lügen? Mochtest du doch schon bei “Game Of Thrones”. Und da hast du auch nicht alles verstanden.

Risiken und Nebenwirkungen
Nach jedem Rausch kommt der Kater.

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Florian Tomaszewski

Invitation to Love

Who killed Laura Palmer?

Twin Peaks ist der Mythos einer Fernsehserie. Das Werk von Davin Lynch und Mark Frost hat eine Epoche geprägt, Agent Cooper war die Blaupause für alle smarten FBI-Ermittler und seltsamen Einzelgänger, die folgen sollten. Und ist zum Vorbild geworden für fortlaufende Fernsehfiktion, in der die Uhren nicht jede Woche wieder zurückgestellt werden. Der Einfluss von Twin Peaks ist bis heute spürbar. Und seine Rätselhaftigkeit: In der einen Ecke des Versandumschlags steht “2/24/89″, der Absender weist sich als “Flo Ghostwood” aus. Alles klar. Willkommen in den Bergen.

Sich mit einer Tasse Kaffee hinsetzen, am besten auch ein Stück Cherry Pie dazu, die Zeitung liegt vor dir: Das ist immer gut, dieses Mal ist es Pflicht. Einerseits hat diese Serie immer einen dunklen und hintergründigen Charme versprüht. Twin Peaks, das mit der zweiten Staffel abrupt und viel zu schnell ein Ende fand, spielte gleichzeitig aber in den idyllischen Wäldern des amerikanischen Nordwestens, im American Diner und vor Holzvertäfelungen. Das hatte etwas Heimelndes, Gemütliches.


Invitation to Love spiegelt all das wider – Fan-Service at its best. Hat sich die erste Ausgabe ausschließlich dem Thema “Coffee” gewidmet, ist es dieses Mal – “Crying”. Ein Taschentuch ist beigelegt. Bei so viel Liebe zum Detail kommen einem tatsächlich die Tränen. Übrigens auch bei der Mini-Auflage von 50 Exemplaren. Und weil der Ausflug in die surreale Welt von Twin Peaks nach 12 Seiten sehr schnell vorbei ist. Dabei hätte sich der Leser (also der Fan) mehr gewünscht, in erster Linie mehr Abbildungen aus den Episoden. Mehr Kirschkuchen, mehr BOB und natürlich (noch) mehr Emotionen. Aber schon vier zusätzliche Seiten blähen die Kosten auf – bei der kleinen Auflage und so knappen Budgets nicht unproblematisch, wie einer der beiden Herausgeber Fabian Bremer zugibt. Übrigens sind eine Handvoll Exemplare noch zu haben. Zugreifen und Kaffee schlürfen, statt abwarten und Tee trinken also.

Warum soll ich das lesen?
Invitation to Love ist schon jetzt ein Sammlerstück. Da musst du dir zweimal überlegen, ob du dir die Doppelseiten ins Wohnzimmer hängen willst. Hat aber natürlich was. Die Eulen werden es dir bestätigen.

Risiken und Nebenwirkungen
Du bist nah am Wasser gebaut. Schluchz.

Wie dieses schöne Zine zustande kommt, wird uns demnächst nicht die Log Lady, aber Co-Herausgeber Fabian Bremer erzählen. Stay tuned.

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Sven Job

brand eins

In der Zeit vor brand eins sind Wirtschaftsmagazine nicht wirklich aufregend und für den Laien kaum von Interesse. Die Cover werden von älteren Herren in dunklen Anzügen und verschränkten Armen oder unsympathischen Yuppies mit hochgestellten Daumen dominiert. Wer den Begriff “Wirtschaft” gedanklich nur mit einem kühlen Bier und “Montag ist Schnitzeltag” in Verbindung bringt, für den stecken diese Magazine bis zum Jahr 1999 voller Rätsel. Dann erscheint die erste Ausgabe von brand eins mit dem Schwerpunkt “Restart – Die Lust am Neubeginn”. Wie passend.

Das Hamburger Magazin gelingt, was so zuvor noch keiner Wirtschaftspublikation geglückt ist: Sie blickt über den Tellerrand und verlässt die enge Welt der Steuertipps, Anlageanalysen und Umsatzbewertungen. brand eins fasst Wirtschaft als Teil der Gesellschaft auf und nicht als ein ihr entkoppeltes System, das nur von einigen Wenigen verstanden werden kann. Das Thema “Fortschritt” lässt sich eben auch anhand einer Reportage über Taxifahrer darstellen – und warum sollte “Improvisation” nicht auch von russischen Kosmonauten erzählen? Die aktuelle Ausgabe “Besitz” wiederum lässt einen Plattensammler zu Wort kommen und berichtet von Japanern, die Geld bezahlen, um mit fremden Katzen zu schmusen. Natürlich haben auch Interviews mit Experten und Firmenportraits ihren Platz in brand eins; die sind aber immer auch für den Laien verständlich verfasst.

Jede Ausgabe, das Magazin erscheint monatlich, hat einen anderen Schwerpunkt. Dieser ist so weit gefasst, dass sich genug Interpretationsraum (Denken, Glück, Qualität…) bietet. Heraus kommt ein vielfältiges Heft, das für den Studenten und Unternehmer gleichermaßen interessant ist. So bleiben einzelne Ausgaben außerdem auch Jahre nach ihrer Veröffentlichung lesenswert und bedeutend. Überprüfbar ist das ganz einfach im kostenlosen Volltextarchiv.

Auch das Layout von brand eins hat im Grunde nichts mit einem Wirtschaftsmagazin zu tun und konnte die Konkurrenz schnell hinter sich lassen. Die Heftcover setzen den Schwerpunkt kreativ und symbolisch um, besonders in den letzten Jahren ist man hier zu Höchstform aufgelaufen. Zu Recht wurde die Redaktion dafür bereits mit unzähligen Auszeichnungen bedacht, unter anderem dem “Visual Leader” in Silber 2010. Mit einem ähnlichen Indie-Appeal entstaubte kurze Zeit später das Fußballmagazin 11 Freunde ein ganzes MagazingenreWie schlägt es einem auf dem aktuellen Titel von brand eins so schön entgegen? Greif zu!

Warum soll ich das lesen?
“Irgendwas mit Wirtschaft” ist das neue “Irgendwas mit Medien”.

Risken und Nebenwirkungen
Du hast mit Mitte zwanzig noch kein eigenes Unternehmen gegründet oder mit deiner Idee die Welt verändert? Viele Protagonisten des Heftes haben genau das getan. Was ist nur los mit dir?

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Florian Tomaszewski

Der Greif

Ist Fotografie das demokratischste aller Massenmedien? Schreiben kann irgendwie ja jeder und nachlesen, was dabei herauskommt, das kann im Internet ein Publikum von Millionen. Aber wie viele Leser verlieren bei den unzähligen Einträgen auf unzähligen Blogs nach den ersten Sätzen das Interesse? Fotos sind dagegen unmittelbarer, denn ein jeder hat die Zeit, sich ein Bild anzusehen. Besonders im Internet, der egalitärsten aller Plattformen. Schneller Konsum und schnelles, omnipräsentes Medium – ist das die ultimative Win-Win-Situation?

Kann ja sein, aber gleichzeitig gibt es eine mächtige Bewegung zurück zu Print. Print ist haptisch und einzigartig. Für manche wirkt das gedruckte Magazin bereits schrullig – das hat auch seinen Reiz. Man kann sich die Seiten an die Wand hängen. Print ist greifbar. Drei Design-Studenten sehen das genauso und haben daraus das Heft Der Greif gemacht – 2000 Exemplare, nummeriert, gegen die Bilderflut, die uns der digitale Raum vorsetzt. Denn Demokratie nervt auch – wenn jeder mit einem Smartphone seine Schnappschüsse in Tumblr veröffentlicht, droht das Gold in Bergen von Altmetall unterzugehen: ein Gerümpelhaufen. Heftmacher Leon Kirchlechner drückt es selbst so aus: “Im Netz wird das Medium Foto entwertet.”

Doch gerade dem Netz entstammen die Fotografien, die in Der Greif gezeigt werden. So viele, dass die Macher die Wahl aus über 5000 Einsendungen hatten, gemacht in und verschickt aus der ganzen Welt. Dieses Internet hat doch seine Vorzüge. Der Greif verliert über die schließlich ausgewählten Bilderstrecken nicht viele Worte und lässt sie für sich selbst sprechen. Wüst und museal, samtblau und zentralmassiv sind sie, mal wolkenverhangen und stumm, mal blutig geschlagen, absent, hellwach. 100 Seiten zeigen, was die moderne Fotografie abzubilden alles imstande ist. Die Botschaft hinter allem bleibt rätselhaft, ergibt aber gerade deswegen ein Bild unserer Welt, vielstimmig und episch. Nur eines wird deutlich: Das Web ist nicht der Tod für gut gemachte Magazine, sondern kann ganz neue Perspektiven eröffnen.

Warum soll ich das lesen?
Ein Bild sagt mehr als tausend Bytes. Betrachten, schnuppern, fühlen. Lesen ist optional, aber auch gut.

Risiken und Nebenwirkungen
Ein Kunststudium. Vielleicht kaufst du dir auch eine Spiegelreflexkamera.

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Sven Job

Folio

Seit 1991 werden die Leser der Neuen Züricher Zeitung (NZZ) mit dem Monatsmagazin Folio versorgt. Zu vergleichen ist das Heft mit dem ZEITmagazin und dem SZ-Magazin, für die wir ja wöchentlich zum Kiosk schlendern. Vor allem die reduzierte, aber umso aussagekräftigere Gestaltung der Heftcover gefällt besonders gut und lässt sich rückblickend bis zum Jahr 1991 auf der Folio-Homepage bestaunen.

Die Redaktion von Folio stürzt sich Monat für Monat auf ein Thema und arbeitet dieses mithilfe großartiger Reportagen und Fotoserien auf. Der Blick schweift in die Ferne (“Bombay”) oder in den eigenen Vorgarten. So begleitet die Redaktion für die März-Ausgabe (“In der RS”) Schweizer Rekruten während ihrer Ausbildung – 21 Wochen lang. Ganz schön harte Hunde, die Schweizer.

In jeder Ausgabe findet sich zudem die beliebte und mittlerweile als Buch veröffentlichte Rubrik “Wer wohnt da?”. Hier analysieren Psychologen und Innenarchitekten die Fotos Schweizer Wohn- und Lebenswelten, um Rückschlüsse auf deren Bewohner zu ziehen (“Lebt hier ein Messerwerfer?”). Die Bewohner selbst kommen auf der darauf folgenden Seite zu Wort.

Folio ist spannender Journalismus und unterhaltsame Reportage. Speziell für uns Nicht-Schweizer aber auch ein interessanter Blick in die Seele eines Nachbarn.

Warum soll ich das lesen?
Wer wissen will, wie ein Volk tickt, sollte deren Magazine lesen.

Risiken und Nebenwirkungen
Irgendwo in Zürich liest vielleicht genau jetzt irgendwer Das Goldene Blatt und schaut damit in unsere Seele. Furchtbar tief geht dieser Blick…

> Folio online

Florian Tomaszewski

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