Hörzu Reporter

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Hörzu
? Ist das nicht die Programmzeitschrift, die du früher immer bei deiner Oma durchgeblättert hast? Das muss zu der Zeit gewesen sein, als es Sonntags noch Schweinebraten gab und Helmuth Kohl von Bonn aus die Republik regierte. Die Zeiten haben sich geändert: Der Schweinebraten ist jetzt böse und wurde durch Tofu ersetzt. Bonn ist wieder in seinen wohlverdienten Dornröschenschlaf gefallen, Angela Merkel sitzt in Berlin an den Hebeln der Macht. Die Welt ist komplizierter geworden, Hörzu gibt es immer noch. Seit nunmehr fast 70 Jahren.

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Mit Hörzu Reporter hat man im letzten Jahr den Sprung in den Premium-Markt gewagt. Nun ist die zweite Ausgabe des Hochglanz-Magazins erschienen, die nur wenig mit der etwas angestaubten Programmzeitschrift gemein hat. Trotzdem geht man nicht auf Distanz, sondern behält den Markennamen selbstbewusst im Titel. Hier setzen die Macher wohl auf Vertrauen und Tradition.

Inhaltlich ist der Unterschied zum Mutter-Magazin dafür umso deutlicher. Hörzu Reporter setzt auf üppige Reportagen und opulente Fotos. Äußerlich besticht es durch ein beachtliches Format und hochwertiges Papier. Wer Premium verspricht, der muss auch liefern. Leider bietet das Heft auch wenig Überraschungen, sondern setzt fast ausschließlich auf Big Names: HBO, Christo, John de Mol. Der Leser bekommt Superlative, Erfolge und Hochglanz auf jeder der 160 Seiten geboten – der Dreck muss draußen bleiben.

Das Kernstück der aktuellen Ausgabe ist das Thema “Fernsehen”. Ein Blick hinter die Kulissen von HBO und “Saturday Night Live” ist sicherlich interessant, hier wären auch kritischere Artikel, beispielsweise zur Quotenmessung oder der Qualität der deutschen Programme, schön gewesen. Hörzu Reporter ist der 200-Million-Dollar-Blockbuster, den du dir gelegentlich gönnst. Ins Programmkino kannst du ja morgen wieder.

Warum soll ich das lesen?
Wenn hier einer Premium verdient, dann ja wohl du.

Risiken und Nebenwirkungen
Auch deine Oma wird auf das Magazin aufmerksam und du musst ihr erklären, wer dieser Tony Soprano auf dem Cover ist.

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Florian Tomaszewski

Evolve

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Konzentration! Evolve – Magazin für Bewusstsein und Kultur widmet sich vier Mal jährlich diesem breit gefassten Themenspektrum. Und wie der Titel nahelegt, möchte es einen Diskussionsbeitrag dazu darstellen, eine neue Bewusstseinskultur zu entwickeln. Kein geringer Anspruch. Evolve folgt dabei nahtlos den Spuren seines Vorgänger-Magazins mit dem spröden wie umständlichen Titel EnlightenNext Impulse. Nur ist das Anliegen hier etwas anders: Das Bewusstsein muss sich ändern, aber es ist ebenso wichtig, welchen Platz dieses Bewusstsein in der Gesellschaft hat.

Im aktuellen Heft setzen die Heftmacher einen Schwerpunkt in einem weiten Feld: der Politik. Und schreckt auch nicht davor zurück, dieses Thema von alternativen Standpunkten aus zu beackern. Wie gelangen wir zu neuen Werten? Ist ein Wandel überhaupt möglich? So findet sich eine Wiederbegegnung mit dem unlängst verstorbenen Nelson Mandela, dessen Leben diesen Fragen unterzogen wird. Der Ansatz ist ganzheitlich: Denken und Fühlen bilden eine Einheit und Spiritualität entsteht daraus. Eine Spiritualität, die die Welt verändern soll.

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Dem heißen Thema um die Frauenquote wird mit einem Beitrag zur Genderdebatte Rechnung getragen. Wie es schon im Editorial heißt: “Wir alle sind aufgerufen und eingeladen, etwas dazu beizutragen, dass unsere Welt gerechter, lebenswerter und bewusster wird.” Carpe diem! Entwickelt, entwickelt euch!

Warum soll ich das lesen?
Auch wenn du nicht glaubst, dass über Nacht eine spirituelle Revolution kommen wird, deren Messias ausgerechnet Russel Brand sein soll: Denkanstöße schaden nie. Nicht alles so ernst zu nehmen, aber auch nicht.

Risiken und Nebenwirkungen
Wo war nochmal das nächste Meditationszentrum? Yoga oder den Wald retten? Dein Kopf wird ein einziger Krisenherd: Ökologische, soziale und jetzt auch noch spirituelle Krise. Wo nur anfangen?

> Evolve – Magazin für Bewusstsein und Kultur online

Manuel Niemann

Ain’t Magazine

aint01“Ceci n’est pas une pipe” – das ist keine Pfeife, steht unter dem Bild einer Pfeife von René Magritte: bis heute die beste Metapher der Postmoderne, die man wird finden können. Das Ain’t Magazine – also selbsterklärt kein Magazin – will auf die gleiche Art kein Magazin sein, wie das Bild einer Pfeife keine Pfeife ist. “Kunst, Design, Sprache und Geschichte” sind seine vier Elemente. Wäre Ain’t ein Haus, so wäre es eine Galerie, ein Kunstinstitut, manchmal auch das St. Oberholz. Es geht darum, mit dem Medium zu spielen, zu dem Ain’t selbst gehört. In jeder Ausgabe gibt es ein Thema, oder besser noch, eine Spielregel. Die Spielregel des Hefts Nummer vier dieses Nicht-Magazins: Stille Post.

aint02Herausgekommen sind dabei 30 Beiträge, vielseitig für sich und doch immer nur eine Seite lang. Dabei greift der folgende den vorhergehenden auf wie ein kryptisches Flüstern – mal ganz konkret, indem der Betrachter das Bild der letzten Seite im Hintergrund spiegeln sieht, mal thematisch, oft auch kaum ersichtlich. Das Ratespiel, wie jetzt der Bezug zum vorhergehenden Bild vorhanden ist, macht den eigentlichen Reiz dieser Ausgabe aus. Ceci n’est pas Stille Post.

Gedruckt in Hamburg und im Seven-Inch-Format ist das Ain’t dabei aufs Viele-Male-Lesen ausgelegt. Die Sternennacht von Van Gogh guckt man sich ja auch nicht nur einmal an. Auch deswegen ist es kein Magazin wie andere. Also: Ain’t 4 ist weniger die vierte Ausgabe, als vielmehr der vierte Band einer Graphic Novel eines großen Autorenkollektivs.

Warum soll ich das lesen?
Ain’t informiert nicht, es inspiriert. Sein Zweck ist nicht Unterhaltung, sondern ein Dialog.

Risiken und Nebenwirkungen
Ceci n’est pas une magazine.

> Ain’t Magazine online

Ulrich Mathias Gerr

South as a State of Mind

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Brennt Griechenland eigentlich noch? Das Kunst- und Kulturmagazin South as a State of Mind spricht auch ohne Flammen eine deutliche Sprache und ist gleichzeitig rätselhaft, wie Kunst im besten Sinne. Und macht klar: Der Süden als Begriff ist nicht zur Verortung da, sondern eine Geisteshaltung. A State of Mind.

Das Themenspektrum ist entsprechend riesig und geht doch immer eine Liason mit den politischen Zuständen ein, die Europa in Atem halten. So findet sich ein Interview in dem Magazin, in dem ein Wahrsager Europa die Zukunft aus der Hand lesen soll. Und Schriftsteller Ingo Niermann schlägt vor, Griechenland einfach in tausend kleine Inseln zu zerteilen. Über allem schwebt der Geist der Kunst, die alle Grenzen sowieso ignoriert und ihren Kommentar zur Gegenwart abgibt. Mal hat man danach dazugelernt, mal eher nicht. So ist es auch mit der Lektüre von South as a State of Mind. Was kann man eigentlich mehr erwarten?

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Esoterik und Theater finden ihren Platz, Kunstinstallationen werden besprochen und längst vergangener New Yorker Hacker-Partys gedacht. Berichte wie über die Biennale Venedig und auch, tatsächlich, über den Euro ziehen immer die Frage nach sich: Was bedeutet das für uns, den Süden? Wie stellen wir uns sozioökonomisch, politisch, gar revolutionär auf, wenn der Norden kommt? Essays über Norwegen, die Türkei oder den Nahen Osten gewähren weitere Einblicke in eine Welt, die aus den Fugen gerät. Ein bisschen ist South as a State of Mind auch ein Kampfblatt.

Warum soll ich das lesen?
Gegen das Establishment, gegen fette deutschen Urlauber auf Rhodos!

Risiken und Nebenwirkungen
Auf deiner Abi-Fahrt nach genau dorthin lässt du South vielleicht besser zu Hause.

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Sven Job

The Long Good Read

presse64The Long Good Read geht dahin, wo es weh tut. Die Zeitungen verlagern ihr Geschäftsmodell zunehmend ins Internet, bringen Apps auf den Markt und bauen ihre Web-Angebote mit oder ohne Paywall aus – und was macht The Guardian, die alte Dame unter den britischen Tageszeitungen? Etwas, das wie das genaue Gegenteil aussieht: Die Redaktion holt ihren Inhalt als kostenloses Angebot zurück auf die Straße. Ausgewählt von “Lesern, Redakteuren und Algorithmen” erinnert The Long Good Read zuallererst daran, warum Print so schön ist und das Hashtag #guardiancoffee auf dem Titel sagt es schon: Nämlich, um sich schön mit einem Stapel Papier ins Café zu setzen.

Entstanden ist das Projekt gemeinsam mit dem Newspaper Club, um die “Longreads”, also die journalistischen Sahneschnitten mit Tiefgang aus dem Web in eine kostenlose Beigabe zu bringen. Und das funktioniert.

presse64cWarum soll ich das lesen?
Wo geht es als Nächstes hin? Chefredakteur Jemima Kiss sagt selbst, was die Debatte um den Journalismus von morgen ausmacht: “Es geht nicht um die Zukunft der Zeitung, sondern um die Zukunft der Geschichten, die in ihr erzählt werden.”

Risiken und Nebenwirkungen
Du liest dank The Long Good Read wieder Papier und fängst dann doch an, die Seiten zu wischen. Das Internet hat sich tief in deinen Geist eingebrannt.

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Sven Job

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