Der Filter

IMG_0871Was eignet sich zum Jahresende besser als ein Magazin, das ein Destillat der 18 erfolgreichsten Magazine Deutschlands ist? Die zweite Ausgabe von Der Filter ist ein Bauplan für Magazine und bietet einen Einblick in die Berechenbarkeit des Marktes. Bitte was?

Die HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft Berlin hat die 18 umsatzstärksten Kioskmagazine Deutschlands analysiert und aufgrund der damit gefilterten Eigenschaften ein Magazin entworfen. Layout, Größe, Bildanteil, Textlänge und Dramaturgie: Alles basiert auf Zahlen und wird im Heft auch entsprechend erläutert. Vom Cover bis zur letzten Seite ist nichts dem Zufall überlassen worden. Content per Analyse.

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Die Artikel im Heft fußen allesamt auf den festgestellten Kriterien eines erfolgreichen Magazins. Interessanter aber gestaltet sich die Meta-Perspektive. So ist Der Filter vor allem für Akteure im Print-Business aufschlussreich und nicht ohne Grund wurde das Projekt daher bei den diesjährigen LeadAwards in Hamburg vorgestellt. Schließlich dürfte dort die Hauptzielgruppe anwesend gewesen sein. Auch wer selbst eine Publikation plant, sollte einen Blick in Der Filter werfen und die ein oder andere Information für sich nutzen. Wo sonst erfährt man, das 0,04 % des Heftinhaltes explizit erotischen Themen gelten sollten?

Warum soll ich das lesen?
Du willst wissen, was ein Magazin erfolgreich macht? Hier steht es schwarz auf weiß.

Risiken und Nebenwirkungen
Die Risiken findet man im Zeitschriftenregal. Hat sich eine Erfolgsformel einmal etabliert, wird sie sofort unzählige Male kopiert. Eintönigkeit ist das Ergebnis. Vielleicht will uns Der Filter davor bewahren.

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Florian Tomaszewski

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(c) Oliver Wurm / Medienbüro

In den dunklen Wintermonaten ist es noch schwer vorstellbar, aber im Sommer 2016 ist es wieder soweit: Die deutschen Fußball- und Massenevent-Fans können endlich wieder mit schwarz-rot-geiler Gesichtsfarbe und Blumenkette auf die Fanmeilen pilgern. Wenn die 90 Minuten durchgestanden sind, geht es mit Biermischgetränken bewaffnet in GTI oder S-Bahn zum nächstbesten Brunnen, um enthemmt und voll unbeschwertem Patriotismus das Unentschieden “unserer Jungs” im Auftaktmatch der EM zu feiern.

Für alle, die sich auch mal ein wenig in die Hintergründe des alle zwei Jahre wiederkehrenden Partyanlasses einlesen möchten, gibt es die Serie 54749014. In den bisher erschienenen vier Ausgaben dreht sich alles um die deutsche Fußballnationalmannschaft und ihre Großtaten bei Großturnieren. In Heft vier unternehmen Macher und Leser eine Reise in die Zeit von Ballonseide und Vokuhila. Kenner wissen: Thema ist der Weltmeistertitel 1990.

Kaiser Franz, völlig unbefleckt von gekauften Sommermärchen und im Vollbesitz seines Erinnerungsvermögens, trumpfte mit seinen (westdeutschen) Recken auf und holte den Pokal aus Bella Italia über den Brenner. Und was waren das für Typen, die damals im Land von Dolce Vita und starker Lira die Kohlen aus dem Feuer holten: Loddar und Andy, Rudi und Bodo, Litti und Auge.

Nicht nur die Texte, auch das Layout lässt den Leser an die seligen 1990er denken. An den Kiosken des kurz vor der Vereinigung stehenden Deutschlands wäre das Heft wohl nicht unangenehm aufgefallen. Ob das nun Absicht ist oder nicht, der Trick funktioniert: Kinder jeden Alters dürften sich sofort an die Hefte zum Aufkleben der Sammelbilder in Duplo und Hanuta erinnert fühlen.

Im Heft wird den Protagonisten der Geschichte maximaler Raum gegeben. Vor allem ihm, dem damals unumstritten Besten: Lothar Matthäus. Das Interview mit dem anno ’90 noch in erster Ehe verheirateten Weltmann aus Herzogenaurach zieht sich über 48 (!) Seiten und damit fast durch das gesamte Heft. Durchbrochen von bekannten und unbekannten Fotos der Action auf und neben dem Platz, Statements seiner Teamkollegen sowie Daten und Fakten zu den Spielen.

Schön ist, dass im Heft auch Platz für die Nebenschauplätze ist. Zum Beispiel für Reiseberichte von “Schlachtenbummlern”, Erinnerungen an Besuche im Teamhotel von Udo Jürgens, Gott hab ihn selig, oder eine “musik-politische” Zustandsbeschreibung Deutschlands 1990.

Warum soll ich das lesen?
“Das sind Gefühle, wo man schwer beschreiben kann,” sagte Klinsi einst. 54749014 macht es trotzdem und macht es mit Vergnügen.

Risiken und Nebenwirkungen
Der Ohrwurm zur WM ’90 war “Un Estate Italiana” von Gianna Nanini. Der geht nach dem Blättern im Heft nur schwer aus dem Kopf. Und am Ende hat man doch tatsächlich Bock auf ein sommerliches Fußballturnier – Proletenkarneval hin oder her.

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Christian Vey

transform

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“Wir schmeißen hin!”, heißt es trotzig auf dem Cover. Vielleicht haben die Macher von transform sich dabei ja von der Filmfigur Renton aus Trainspotting inspirieren lassen, der gleich zu Anfang wissen lässt: “Ich habe zum Ja sagen Nein gesagt.” Oder beim Brainstorming das Tocotronic-Album “Kapitulation” zu oft gehört: “Lasst uns an alle appellieren! / Wir müssen kapitulieren.” Im Editorial des Heftes klingt das dann so: “Das transform Magazin erscheint, damit wir aus den Hamsterrädern der Optimierungsgesellschaft aussteigen können.” Jetzt könnte man annehmen, die folgenden 130 Seiten werden bierernst und anklagend. Zum Glück ist das nicht der Fall.

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transform trägt den Untertitel “Magazin für das gute Leben”. Dieser Anspruch findet sich in den Artikeln wieder, die sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Arbeit auseinandersetzen. Arbeit ist für gewöhnlich selten positiv besetzt: schuften, buckeln, ackern, klotzen. Und für viele scheint es nur eine unliebsame Verrichtung zu sein, die dafür sorgt, am Ende des Monats einen Gehaltsscheck in der Hand zu halten – der einen dann auch noch frustriert.

Das werbefreie Magazin konfrontiert seine Leser mit Fragen und alternativen Sichtweisen, überfordert ihn dabei jedoch nicht, schließlich geht es um das gute Leben. Die Texte sind nie zu lang, vor jedem Artikel wird als Service sogar die Lesezeit angegeben. Zwischen Grundeinkommen, sozialer Veranwortung und Neubeginn finden sich auch Tipps zum Blaumachen oder Kochrezepte für kleines Budget. Vielleicht ist transform der erste Schritt, um zum Ja sagen Nein zu sagen?

Warum soll ich das lesen?
Du bist gedanklich schon dienstags im Wochenende? transform ist Dein Magazin!

Risiken und Nebenwirkung
Und hast Donnerstag Deinen Job geschmissen? Unterschätze niemals die Macht eines Magazins.

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Florian Tomaszewski

Rabona

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Die Außenlinie runtergerannt, zwei Gegenspieler aussteigen lassen, in der Mitte steht der Stürmer und wartet, aber der Ball liegt auf dem falschen Fuß. Was tun? Abhilfe verschaffen sich die Artisten unter den Balltretern mit dem Rabona. Ein Trick für echte Könner, der das Publikum mit der Zunge schnalzen lassen, aber auch sehr peinlich sein kann – wenn er schiefgeht.

Beim nach dem Kabinettstückchen benannten Heft aus London ist aber schon eher Applaus angebracht. Großformatige und außergewöhnliche Fotografien stehen auf schwerem Papier, ergänzt von einer rundum hübschen Aufmachung. Nach einigen kurzen Beiträgen zum globalen Geschehen rund um die Lederpille geht es schnell zur Sache. Jede Ausgabe ist einem Thema gewidmet, das erschöpfend behandelt wird. In der aktuellen Ausgabe heißt das: FC Bayern München satt.

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Auf über 80 Seiten dreht sich alles um den meistbewunderten und -gehassten Verein Deutschlands. Es gibt Interviews mit den aktuellen Stars Götze und Lahm, Loblieder auf die Vereinslegenden Beckenbauer und Schweini, mehrere Fotostrecken sowie Listen (die besten Spieler, die schönsten Trikots).

Für einzelne Beiträge werden bekannte Edelfedern der internationalen Fußballberichterstattung ins Boot geholt. Das führt dazu, dass nicht nur Freunde visueller Ästhetik auf ihre Kosten kommen, sondern auch das Lesevergnügen nicht auf der Strecke bleibt.

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Flankiert wird das dicke Magazin von Rabona Paper, von dem bisher zwei Ausgaben erschienen sind und das weitere Artikel rund um den Rasensport liefert.

Warum soll ich das lesen?
Zu Fußball ist eigentlich alles gesagt. Aber noch lange nicht von jedem. Rabona eröffnet Dir eine neue Perspektive.

Risiken und Nebenwirkungen
In Rabona ist der Fußball eine grasgrüne Zuckerwattewelt, deren Akteure rechtschaffen und edel sind. Dein Erwachen beim Blick in die tagesaktuelle Berichterstattung um FIFA, DFB und Sommermärchen wird furchtbar sein.

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Christian Vey

Men’s Health Dad

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Erst auf der letzten Seite von Men’s Health Dad kommt die weibliche Seite zu Wort. Fast ist man beruhigt, schließlich treten beim Lesen der gut 100 Seiten zuvor erhebliche Zweifel auf, ob man den Vätern, die die Blattmacher wohl im Kopf hatten, ein Kind anvertrauen möchte.  Aber – und das ist natürlich kein Zufall – ist die Frau dann doch wieder nur eine von diesen hysterischen Müttern, denen man auch nichts recht machen kann. Das Kind ist falsch angezogen? Chill mal, nuschelt da nur der Vater aus dem Men’s Health-Universum in seinen 5-Tage-Bart und schiebt noch einen witzigen Spruch hinterher. High five!

Von all den Erziehungsratgebern und Elternmagazinen unzureichend angesprochen, hat den Vätern anscheinend noch das passende Magazin gefehlt. Mit dem entspannten Fathers haben wir so ein Magazin schon einmal vorgestellt, Men’s Health Dad geht da einen anderen Weg. “Was coole Väter anders machen” steht auf dem Cover und die Frage, wie man auch als Vater “cool” bleibt, scheint besonders dringlich zu sein. Neben der Frage, wie das Sexleben möglichst schnell wieder in Fahrt kommt. Ist da nämlich erst “tote Hose”, dann ist meist die Frau schuld (“Sie ist sooo müde”) und etwas anatomischer Nachhilfeunterricht sicher nicht verkehrt (“Der Körper der Frau ist jetzt so anders”). Verständnis für die “hubbelige Haut” der Frau wird auch noch geraten. Bestimmt aber ist es für das Sexleben nicht so gut, wenn die Mutter des Kindes so einen Artikel liest.

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Men’s Health Dad hat durchaus auch interessante Themen im Angebot. Beispielsweise berichten Väter von ihrer Elternzeit oder ihren Erfahrungen aus dem Kreißsaal. Dieser Perspektivwechel ist tatsächlich interessant. Leider überwiegt beim Lesen jedoch das Gefühl, das hier Männer angesprochen werden sollen, die so auch in Filmen von Til Schweiger oder Matthias Schweighöfer auftreten: vermeintlich liebenswerte Machos, die schon von einer vollen Windel überfordert sind. Ist ja auch irgendwie uncool.

Warum soll ich das lesen?
Du hast noch keine Kinder, glaubst aber, die Frauen stehen drauf, wenn Du das Magazin in der Bahn liest. Du empfiehlst Dich als cooler Dad!

Risiken und Nebenwirkungen
Men’s Health Dad ist ein bisschen wie der Kumpel, der noch keine Kinder hat, und wohl auch nie haben wird, Dir aber trotzdem unaufhörlich gute Ratschläge gibt.

> Men’s Health Dad online

Florian Tomaszewski

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