ZurQuelle

presse109b

Es tobt der Generationenkonflikt, und da bekommen nicht nur die Alten, auch die Jungen kräftig einen auf den Deckel. Verspießt, auf Nummer sicher, langweilig und humorlos soll sie sein, die Generation Y. Die treiben sich doch inzwischen lieber im Baumarkt als im Berghain rum, verdammt noch mal! Zum Glück gibt es noch ein oder zwei Studentenmagazine, die das Gegenteil beweisen. ZurQuelle gehört dazu.

In jeder Ausgabe gibt’s ein Thema, das letzte Mal war es “Schmutz”, aktuell ist es der Dauerbrenner “Grenzen”. Da geht natürlich alles: An seine Grenzen gehen, diese überschreiten, Mauern einreißen – oder lieber wieder aufbauen. Ein todernstes Studentenmagazin, das keiner gerne liest – davon gibt’s doch schon genug an deutschen Unis.

Hier ein Beispiel: Im Pop-Interview mit den Vengaboys (ganz richtig, den Vengaboys) geht’s eigentlich nur um Dildos und Bang Bang. Die Boys und Girls aus der ZurQuelle-Redaktion können sich einem Thema aber auch etwas ernsthafter sein. Etwa, wenn von Drogenkriegen und -legalisierung die Rede ist. Oder wenn ein anderer Text schildert, wie eine Beziehung in die Brüche geht, weil er als Verbindungsstudent und sie einfach nicht zusammenpassen. Bittersüß ist das ein bisschen.

presse109d

Um es als Student zu formulieren: ZurQuelle ist als Magazin die Abschlussarbeit mit Sternchen, nicht das uninspirierte Referat im Grundlagenkurs. Hoffentlich noch viele Semester lang.

Warum soll ich das lesen?
Für Erkenntnisse wie: Der Venga-Bus kommt immer noch. Und für Sätze wie “Die nachträgliche Umdeklaration von Dummheit zu Ironie ist eine Erfindung der Berliner” muss man die Potsdamer Studis gernhaben.

Risiken und Nebenwirkungen
Dein Umfeld nennt Dich sowieso schon “berufsjugendlich” und jetzt hast Du auch noch ein Studi-Magazin abonniert? Ach egal, die verstehen doch nix!

> ZurQuelle online

Sven Job

No Sports

nosports_1

Nach der EM in Frankreich ist vor Olympia in Rio. Oder wie sonst ist es zu erklären, dass eine Fußballredaktion mitten in der heißesten Phase des Fußball-Hypes ein Magazin auf den Markt wirft, in dem es um alle Formen der Leibesertüchtigung gehen soll, nur nicht um Fußball?

Die 11Freunde tun es. Die Macher des in Berlin-Friedrichshain beheimateten Monatsblatts für den Soziologie studierenden Wochenend-Hooligan erweitern mit No Sports das Portfolio und den eigenen Horizont. Mit dem Umstand, dass hier die selbst ernannten Bewahrer der Fußballkultur am Werke sind, gehen sie offensiv um. So prangt schon auf dem Cover der Claim “Ein Freund von 11Freunde”.

nosports_2

Das gesamte “Look and Feel” erinnert stark an das Mutterschiff. Die Rubriken, die Form der Beiträge, Layout – einfach alles. Das Volkssport-Konzept soll auch in der vermeintlichen Nische zum Erfolg führen. Das ist auch durchaus realistisch, denn weder Wort noch Bild langweilen an irgendeiner Stelle.

Auffällig ist, dass sich die Autoren eher aus der “alten Garde” der 11Freunde-Redaktion und deren Umfeld rekrutieren. So bekommt man auch eine Idee davon, wie es zum Heft kommen konnte: Nach 16 Jahren und 176 (regulären) Heften, mag einem auch das größte aller großen Spiele auserzählt vorkommen.

nosports_3

Also jetzt Tennis, Boxen, Golf – höher, schneller, weiter. Auch Radsport, Hockey und schnelle Autos fahren bekommen ihren Platz. Sogar der ehrbare Versuch, dem Kontinentaleuropäer Cricket zu erklären, wird unternommen.

Warum soll ich das lesen?
Wie kommt es, dass der Kneipensport Darts auf einmal Massenphänomen ist? Was kann eine Weltcupsiegerin im Sportschießen an der Kirmesbude? Und wird Rugby in Deutschland je funktionieren? Antworten gibt’s hier.

Risiken und Nebenwirkungen
Eurosport wird jetzt wirklich zu jeder Uhrzeit interessant.

> No Sports online

Christian Vey

All The Rage

presse107

Die eigenen Worte treffen es manchmal doch am besten: “As fans of popular culture, we want [..] to immerse readers into the creative writing, design and minds emerging from film and games and explore the social or political issues that go hand in hand with [..] modern day technology.” Damit hat sich All The Rage schon ziemlich gut beschrieben. Hier sind tatsächlich echte Fans am Werk, wie es bei Indiemags öfter vorkommt. Zwei andere Beispiele sind Shelf Heroes über Film und Forerunner über Gaming. All The Rage vereint beide Themen und ergänzt sein Spektrum gleichzeitig um den Bereich “Longreads” – also Lesestücke, die Ausführlichkeit über Effekte und Prägnanz setzen.

Okay – die Artikel über z.B. Anonymous sind keine investigativen Meisterstücke. Mit seinen insgesamt knapp 100 Seiten kann All The Rage das auch nicht leisten. Aber trotzdem lässt das Magazin erkennen, in welche Richtung die Reise geht: zum slow journalism, der die Gaming-Kultur ernst nimmt. Und weil es viele Schnittstellen vom Erzählmedium Videogame zu Film gibt, finden auch ein Essay über die Animationsstudios Pixar und Dreamworks in das Heft – oder ein Artikel über den aktuellen Stand des Sci-Fi-Films. Dazu kommen die obligatorischen Games- und Filmkritiken, die auf Tiefe setzen, nicht auf Masse.

Warum soll ich das lesen?
All The Rage ist Spielekultur. Und dabei blickt das Magazin mit großem und ernsthaftem Interesse auf die Gaming- wie auf die Filmindustrie – ohne das spielerische Moment aus den Augen zu verlieren. Am Ende soll das alles ja immer noch Spaß machen!

Risiken und Nebenwirkungen
Barrierefreies Gaming, immersive Storytelling, Virtual Reality: Da kann einem schon mal seekrank werden. Aber es lohnt sich. Auch wenn das beste Gaming-Zine die WASD bleibt.

> All The Rage online

Sven Job

Kultur & Gespenster

presse105

Ausgestopfte Tiere und Clogs, der “zeitgenössische Film” und Stephen Kings “The Shining”, Arno Schmidt, Lewis Carroll und Eduard Mörike – was auf den ersten Blick vielleicht nach einer wilden Mischung klingt, ist das stimmungsvolle Ensemble der Kulturzeitschrift Kultur & Gespenster. Wie immer kommt es natürlich ganz darauf an, was für ein Leser Du bist und was Du erwartest. Demzufolge kann die Lektüre dann erhellend und erheiternd sein oder ermüdend und frustrierend. Verstörend gar – oder einfach nur einen schönen Sonntagnachmittag ausfüllen.

presse105b

Über all diesen Erfahrungen steht in der 17. Ausgabe von Kultur & Gespenster der Mut zur Lücke. Und zwar die Lücke zwischen den Themenfeldern Wort und Ding, oder die zwischen Lyrik und Prosa. Oder die zwischen akademischem Essay und verständlichem Text. Denn auch wenn sich Kultur & Gespenster immer bemüht, zugänglich zu bleiben und dennoch in die Substanz zu gehen – ohne Fußzeilen geht es manchmal nicht.

Ist schon okay. Wer als Leser selbst den Mut aufbringt, nämlich den, seine Zeit zu investieren, der bekommt von diesem fast 350 Seiten dicken Bookzine dann auch geliefert. Dazwischen Gedichte.

Warum soll ich das lesen?
Schreiben sie ja selbst: Fun ist ein Stahlbad. Und Kultur & Gespenster alles in allem ein bunter Brocken, der Dich gerne mit Tiefgang erschlägt.

Risiken und Nebenwirkungen
Gibt es.

> Kultur & Gespenster online

Sven Job

Bock!

presse106

So so, ein Magazin also für “alle, die Lust auf geilen Scheiß haben”? Und Ihr, liebe Redaktion, findet es eine gute Idee, uns im Anschreiben mit “Pressefresse” anzuquatschen? Weil wir da Bock drauf haben, yeah?

Na egal, passt ja schon. Uns ist klar, dass Bock! eine andere Art Magazin sein soll. Ein Gagazin, so die Eigenbeschreibung. Was die Jungs um einen gewissen Basilius Bock (das greinende Maskottchen auf dem Titel) so für geil halten, ist natürlich Ermessenssache.

Also, unter “geilen Scheiß” fallen in der ersten Ausgabe: Karl Dall und Kai Diekmann, Falschparker fertig machen und ein bisschen Angela Merkel verarschen, Steve McQueen und Thunfisch. Hier und da gibt’s eine Karikatur. Und einen Bericht über Kacke, ganz richtig. Interessanterweise keine nackten Frauen, auch nicht im Heft-Teil “Bock auf Kerlskram”. Dafür aber Wortspiele, oh Gott, diese Wortspiele. Eine Randnotiz ist eine “Rindnotiz”, dann gibt es noch die “Exkre-Mentalistin” und den “SchleBaZ”. Alles zusammen ergibt eine, sagen wir mal, wilde Mischung. Bock! wirkt wie eine sehr individuelle Ansammlung von Ideen und Interessen einer einzigen Person.

presse106b

Diese Person wird wohl Peter “Der Bulo” Böhling sein, der mit Clap bereits ein einigermaßen schräges “People-Magazin für die Kommunikationsbranche” herausgibt. Und bei Bock! als “Chefpraktikant” geführt wird. Okay. Jetzt hat er aus vielen Inhalten, die spitzenmäßig in ein Blog passen würden, ein Magazin gemacht. Und dann kann jeder mal selbst gucken, ob er Bock drauf hat.

Warum soll ich das lesen?
Wenn Du auf wilde Mischungen stehst. Oder besser noch, wenn Du Peter “Der Bulo” Böhling bist.

Risiken und Nebenwirkungen
Als Leser labert Dich Bock! die ganze Zeit so von der Seite an. Wenn Du das magst, schau mal rein. Bonuspunkt gibt’s aber für den alten MAD-Illustrator Ivica Astalos, der die letzte Seite gestalten durfte. So endet diese Rezension doch mit einem Lechz.

> Bock! – das Gagazin online

Sven Job

Seite 5 von 55« Erste...456...102030...Letzte »