Noveaux

IMG_0790Wer nicht viel Zeit hat, trotzdem aber wissen will, was die Leute aktuell so umtreibt, der sollte einfach einen Blick ins nächste Zeitschriftenregal werfen. Schön aufgereiht stehen hier aktuelle Trends, Moden und gesellschaftliche Strömungen. Denn auf eins kann man sich verlassen: Kommt ein Thema an, sind gleich alle dran. Aktuell wird man viele Titel finden, die in irgendeiner Form das Wort “vegan” enthalten. Die meisten davon sind so jung wie der vegane Lebensstil selbst. Und da “vegan” oft auf Ernährung beschränkt wird, setzen viele Magazine hier den Schwerpunkt und kommen daher selten über eine reine Rezeptsammlung hinaus. Dieses Magazin ist da anders.

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Denn schon mit seinem Untertitel “A magazine for vegan fashion & green lifestyle” stellt Noveaux klar, dass es anders und umfassender an das Thema herangehen will. Ein ökologisches Bewusstsein heißt nicht nur: “Ich lass jetzt mal das Fleisch weg”, sondern sollte einen ganzheitlichen Ausdruck finden. Bei Noveaux zeigt sich das in den Rubriken “Fashion”, “Reflexion”, “Beauty” und “Lifestyle”. Im Heft blicken einem überwiegend gut aussehende, junge Menschen entgegen und belegen damit die Vermutung, dass Veganismus und Öko zur Zeit besonders in den Trendvierteln deutscher Großstädte auf fruchtbaren Boden stoßen. Nun wäre es leicht, auch Noveaux seinen Öko-Chic vorzuwerfen. Aber irgendwie hat die Redaktion ja recht, wenn sie fragt: Ist ein “bisschen die Welt retten” nicht immer noch besser, als weiterhin alles falsch zu machen? Eben!

Nicht immer geht die Themenvielfalt auf. Warum zum Beispiel berichtet eine Autorin über ihre Tinder-Erfahrungen? Und an der ein oder anderen Stelle wirkt Noveaux zu sehr wie ein simples Modeheft. Aber das ist Geschmackssache. Genau wie Seitanschnitzel übrigens auch.

Warum soll ich das lesen?
Du willst mit der Zeit gehen? Dann leg das Frikadellenbrötchen zur Seite und lies Noveaux.

Risiken und Nebenwirkungen
Leider wohnst du in keinem Trendviertel und in deinem örtlichen Supermarkt halten sie Tofu immer noch für eine griechische Insel. Dieser Weg wir kein leichter sein…

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Florian Tomaszewski

Amuseum

presse88

Es gibt viele Wege, unsere Welt zu erkunden. Wir reisen, natürlich, in nah und fern. Wir holen fremde Kulturen in unsere Küche, wenn wir ein exotisches Gericht zubereiten. Oder wir lesen uns auf Wikipedia eine Nacht um die Ohren. Ideen öffnen unseren Horizont – und Dinge. Und darunter fallen alle möglichen Objekte, die Geschichten offenbaren, wenn wir nur genau hinsehen – wie Amuseum zeigt.

“The playful magazine that sees objects differently” ist ein Bookzine mit einem sehr weit gefassten Interesse an Gegenständen, von Menschen gemacht oder abstrakt. Das klingt erstmal ein bisschen nach den Was-Ist-Was-Büchern aus unserer Kindheit. Aber erstens ist Amuseum schöner aufgemacht, zweitens beherrscht das Zine perfekt die Gratwanderung zwischen Witz und Ernst, drittens hat es mit Kurzgeschichten und kleinen Comic Strips noch mehr zu bieten.

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Amuseum ist unterhaltsam und kurzweilig, und viele Stücke sind so kurz, die lassen sich wunderbar lesen, während man z.B. auf den Bus wartet. Etwa die Geschichte hinter den “Voyager Golden Records”, die in den Siebzigern auf eine weite Reise in fremde Galaxien geschickt wurden. In einem anderen Artikel geht es um Akronyme in Liebesbriefen. Die kryptischen Codes finden mit der Post ihren Weg nach Hause zur Geliebten. Und wofür steht dann das auf den Briefboden hingekritzelte E-G-Y-P-T? “Eager to Grab Your Pretty Tits.”

Amuseum hat eben auch etwas, was vielen Magazinen heute ein bisschen fehlt: Humor.

Warum soll ich das lesen?
Diese Ausgabe ist aufgeteilt in die Kapitel “Cruel and Unusual”, “Making Contact” und “The Unknown”. Da dürfte für Dich wohl was dabei sein, oder?

Risiken und Nebenwirkungen
So viele clevere Sachen stehen da drin, und Du merkst Dir ausgerechnet das mit den Abkürzungen. Mal sehen, wie lange das gut geht, dass Du jeden Brief mit C-H-I-N-A signierst.

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Sven Job

 

Akademische Mitteilungen Ausgabe XX

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Moment – eigentlich riskieren wir bei einem Heft keinen zweiten Blick, oder? Was wir einmal in die Hand genommen haben, dazu bilden wir uns eine Meinung, die wir Euch als knallharte Kaupfempfehlung (oder eben nicht) präsentieren. Meistens ist das so. Nun ist Akademische Mitteilungen eine dieser Abschlussarbeiten, wie sie von Studenten im Fach Kommunikationsdesign entwickelt und umgesetzt werden. In diesem Fall von der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Nummer XX ist also ein ganz neues Magazin und hat mit Nummer 17 nur wenig gemeinsam. Ein neuer Versuch, jedes Mal.

Es ist der Horizont, wo schwarz und weiß zusammenkommen. Dort, wo sich zwei Gegensätze treffen, grenzen sie sich entweder trennscharf ab – oder diffundieren ineinander. Sie können einander ergänzen, wie Yin und Yang. Darum geht es im Wesentlichen in Akademische Mitteilungen XX. Und nicht nur das: Als Magazin zwischen Design, Kunst, Photographie und Journalismus ist AM selbst ein Grenzgänger.

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AM nähert sich seinem Oberthema “Horizont” auf ganz unterschiedliche Weise. Ein Bericht etwa schildert das sogenannte “Whiteout”-Phänomen, wenn im ewigen Eis alle Konturen verschwinden. Gegen die absolute Orientierungslosigkeit setzt es im Anschluss ein Interview mit dem Karten-Designer Joost Grootens. In einem Artikel schildern Menschen ihre Nahtoderfahrungen und in einem anderen kommen Astronauten zu Wort, die nach ihrem Ausflug ins All die Erde mit neuen Augen sehen. Beides sind auf eine eigene Art und Weise grenzüberschreitende Erfahrungen.

Warum soll ich das lesen?
Akademische Mitteilungen XX punktet mit Reportagen und Photo-Essays, die vielleicht ein klein wenig Deinen Horizont erweitern. Wie es das Titel-Thema verspricht.

Risiken und Nebenwirkungen
Super Heft, Du willst ein Abo? Das klappt leider nicht, ist das AM XX doch eine einmalige Sache. Aber wer weiß, was die Beteiligten als Nächstes anpacken.

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Sven Job

Apartamento

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Wohnst Du noch, oder lebst Du schon? Apartamento gibt’s schon ne Weile, das hier ist die 15. Ausgabe. Das “everyday life interiors magazine” zeigt, wie es sich wohnen lässt ohne Expedit und Pax, die farblich zu Gardine und Familienauto abgestimmt werden.

Sehr angenehm nämlich. Was früher unter “Sperrmüll” lief, heißt heute “shabby chic”. Neu ist der Wohnstil natürlich nicht; alternative Lebensentwürfe gab’s schießlich schon immer und die eigene Einrichtung ist der vielleicht ehrlichste Ausdruck davon. Denn in den eigenen vier Wänden verbringt man immer noch die meiste Zeit, oder?

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So verschieden wie wir Menschen nun sind, so einzigartig sind auch die Arten, zu leben. Und die große Leistung von Apartamento ist es, all das zu zeigen und auch für uns “Normalos” erlebbar zu machen. Dabei ist es eigentlich egal, ob wir nun z.B. eine Art Höhle für Emeriten (und das ausgerechnet auf Ibiza) betrachten oder doch einen exklusiven Loft im Retro-Chic der Seventies, oder noch etwas ganz Anderes: Es zählt, dass seine Bewohner sich darin wohlfühlen.

Alle Wohnlagen existieren nebeneinander, gleichberechtigt. Und sowieso geht es in Apartamento vor allem um ein Lebensgefühl und um Menschen, die für ihre Leidenschaften und Interessen leben. Viele abgebildete Wohnungen sind vollgestellt mit Büchern und alten Möbeln; manche sehen geradezu vollgemüllt aus. Für Menschen, die es gerne nice and clean haben und sich alle paar Jahre nach einer neuen Wohnzimmergarnitur umsehen, ist das vielleicht nichts.

Diese spezielle Art, ein Magazin zu machen, hat Apartamento seit Ersterscheinen 2008 entscheidend geprägt: Nichts ist gestellt oder wirkt aufgehübscht. Das Layout ist sehr zurückgenommen und entspannt, die Features ausführlich und dabei manchmal locker, manchmal fast intim. All das gibt Apartamento eine zeitlose Qualität, die man sich gerne ins Regal stellt. Total logisch, dass es als Bookzine erscheint.

Warum soll ich das lesen?
Deine Studiengebühren und Weltreisen haben Dich arm gemacht. Aber wohnen musst Du auch, und Apartamento gibt Dir dafür das richtige Feeling.

Risiken und Nebenwirkungen
Erwarte keine How-Tos und auch keinen Einrichtungskatalog. Du lernst dafür (Lebens-)Künstler kennen, von denen Du noch nie gehört hast.

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Sven Job

Zeitspiel

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Wo das Spielfeld ein besserer Kartoffelacker ist, die Bratwurst Einsfuffzich kostet und der Fanblock aus sechs Pensionären samt Hund oder Regenschirm besteht: Da ist die Fußballwelt noch in Ordnung. Ganz so blauäugig sind die Macher von Zeitspiel dann doch nicht. Wissen sie doch, dass auch unterhalb der im Fernsehen dauerpräsenten Profiligen der Fußball nicht besser ist. Trotzdem versteigen sie sich zur Behauptung er sei zumindest ehrlicher.

Den Beweis versucht Zeitspiel auf exakt 90 Seiten zu erbringen. Da geht es um tief gefallene Traditionsvereine, die vom Ruhm längst vergangener Tage träumen und um obskure Dorfclubs, die vom örtlichen Mittelständler zum ambitionierten Projekt hochgejazzt werden. Eben alles, was zwischen Liga 3 und 6 so kreucht und fleucht.

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Das Hauptaugenmerk liegt auf dem aktuellen Zustand des Fußballs in den unteren Spielklassen und all seinen Problemen. Das größte ist dabei der Zuschauer- und Geldmangel und der dadurch dauerpräsente Kampf ums Überleben. Dem Thema werden in der ersten Ausgabe das Titelblatt und ganze 28 Seiten gewidmet. Leitartikel, reale Fallbeispiele von Pleiteklubs, die tatsächlich aufgelöst oder (teilweise mehrfach) gerettet wurden, epische Statistiken und Interviews machen in größter Ausführlichkeit greifbar, wie es abseits des Hochglanzprodukts Profifußball aussieht.

Wie der Untertitel “Magazin für Fußball-Zeitgeschichte” verrät, hat das Magazin auch einen Hang zum Blick zurück. Vereinshistorien werden aufgerollt,es wird in den Erinnerungen an legendäre Spiele und – noch lieber – Spielorte geschwelgt. Zwar wollen die Heftmacher laut eigener Aussage nichts verklären, ein gewisser Hang zur Sepia-Seligkeit ist aber nicht wegzudiskutieren. Als die Kicker ausschließlich schwarze Ledertöppen trugen, Karl-Heinz oder Rudolf hießen und ihr Sport nur in Stadion, Radio und bestenfalls Sportschau stattfand, war der Fußball eben doch noch ehrlicher.

Die Texte sind sprachlich nah am Objekt, das sie behandeln. Hier gibt es keine Schönspielerei, kein Tiki-Taka. Trotzdem ist sofort spürbar, dass sehr viel Liebe (besonders zum Detail) im Heft steckt. Zeitspiel ist von Freaks für Freaks gemacht.

Warum soll ich das lesen?
Dein Verein macht gerade eine schwache Phase durch? Das hier ist Dein Lesestoff für die Anreise per Regionalexpress zu Auswärtsspielen bei Clubs mit seltsamen Bindestrich-Namen.

Risiken und Nebenwirkungen
Du entwickelst ein gesteigertes Interesse daran, wie es gerade so bei Optik Rathenow, Viktoria Aschaffenburg oder Westfalia Rhynern läuft.

> Zeitspiel online

Christian Vey

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