Ernst

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Die Schweiz macht Ernst. So nennt sich das neue, viermal jährlich erscheinende  “Gesellschaftsmagazin für den Mann”. Männer also. Aktuell eine beliebte Zielgruppe auf dem Markt. Ob Vater, Macher oder sensibler Grübler, es gibt ein Magazin für jeden Typ. Mit stolzer (behaarter?) Brust und Monster Truck auf dem Cover betritt Ernst, hervorgegangen aus der Schweizer Männerzeitung, diese Bühne.

“Wir machen es groß”, heißt es schon im Editorial. Dieser selbstbewusste Ausruf ist gleichzeitig Leitmotiv der ersten Ausgabe. Männer und ihr Größenkomplex: keine schlechte Idee. Bei der letzten Seite angekommen, bleibt der Leser jedoch etwas ratlos zurück. Grund dafür ist ein Bruch, der ungefähr in der Mitte des Magazins erfolgt.

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Nach durchaus interessanten Beiträgen, die so auch in anderen populären Gesellschaftsmagazinen ihren Platz haben könnten, wird das Heft plötzlich von esoterischer Werbung unterbrochen (“Visionssuche für Männer”, “Mehr Zeit mit Zen”) und die Zusammenstellung der Artikel beliebiger. Das irritiert nicht nur inhaltlich, sondern auch gestalterisch. Ernst geht in der zweiten Hälfte deutlich die Puste aus und seine behauptete Größe schrumpft zusammen.

Welcher Typ Mann von Ernst angesprochen werden soll, bleibt also nach der ersten Ausgabe fraglich. Dafür ist das Heft nicht eindeutig genug und die Themenauswahl noch zu wahllos. Vielleicht macht ja die zweite Ausgabe dann richtig ernst.

Warum soll ich das lesen?
Du bist ein Mann. Du liebst Monster Trucks!

Risiken und Nebenwirkungen
Die Zeit der Monster Trucks ist vorbei. Dafür aber meldest Du Dich bei diesem rätselhaften Trommelbaukurs an. Denn auch der wird in dem Magazin beworben.

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Florian Tomaszewski

100 Häuser / 100 Spaces

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Wie wir leben sollen. Wer 2-Zimmer-Küche-Diele-Bad sein Eigen nennt und allmorgendlich einen Arbeitsplatz in einem dieser anonymen Bürotürme aufsucht, sehnt sich vielleicht manchmal nach einer besseren Welt. Wie diese aussehen könnte, zeigen die österreichischen Magazine 100 Häuser und 100 Spaces auf jeweils 200 Seiten.

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Womöglich ahnt man bei den Titeln, worum es geht. Richtig: 100 feuchte Architektenträume. In jedem der Magazine werden außergewöhnliche Wohnprojekte in Deutschland und Österreich vorgestellt. 100 Working Spaces wirft einen weltweiten Blick auf die Büros der Zukunft. Die hochwertigen Magazine richten sich vorwiegend an ein Fachpublikum, bieten aber auch Laien interessante Einblicke in verschiedenste Bauweisen. Außerdem macht es einfach Spaß, die Hefte durchzublättern, sich seine Favoriten auszusuchen, über manche Extravaganz den Kopf zu schütteln oder sich möglicherweise für den anstehenden Hausbau noch Inspiration zu holen.

Im Juni erscheint dann, passend zur Reisezeit, 100 Ferienhäuser. Vielleicht sollte man das Projekt einfach auf alle Lebensbereiche ausdehnen. Wir freuen uns jetzt schon auf 100 Krankenhäuser, 100 Schulen und 100 Sonnenstudios. Alles ist möglich: Think big!

Warum soll ich das lesen?
Weil Du Dich früher schon auf jede Ausgabe von “MTV Cribs” gefreut hast.

Risiken und Nebenwirkungen
Das Lebensziel “Reihenendhaus” erscheint Dir nach der Lektüre plötzlich nur noch profan.

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Florian Tomaszewski

F Mag

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Politik, Sex und Lametta verspricht das neue F Mag von Gruner + Jahr. Klingt für mich nach dem alljährlichen Besuch über die Weihnachtsfeiertage im Dorf meiner Eltern. Dort, wo ich mit 14 meine erste Brigitte Young Miss las. 16 Jahre später liegt nun die Nachfolgerin mit sage und schreibe 154 Seiten vor mir auf dem Küchentisch und ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll.

Für eine Ausgabe des Bust Magazine brauche ich die obligatorischen 20 Minuten vor dem Einschlafen. Im Missy Magazine blättere ich schon einmal drei Tage lang. Und für das F Mag? Habe ich 15 Minuten gebraucht. Dabei hätte ich schon nach fünf Minuten gerne aufgehört, als ich im ersten Text über „Teenager“, „Freunde“ und später über Twitter als „Blase für politische Aktivisten und Journalisten“ stolperte. Denn: Wer sich auf die Fahne schreibt, „Großstadthedonismus und Geschlechterfragen, Sozialkritik und Schminke“ zu vereinen, sollte über gendergerechte Sprache nicht einfach kommentarlos hinüber walzen. Klar könnte man mir nun diesen Feminismus vorwerfen. Dies kann aber nicht im Interesse der Macher*innen des F Mag sein. Sie wollen das „F-Wort“ aus der Schmuddelecke holen. Dafür haben sie 31 Fragen an den Feminismus gestellt und eine Vielzahl bekannter Frauen aus Kunst, Politik und Medien im Heft um Antwort gebeten.

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Politik, Sex und Lametta finden sich auch in den Rubriken wieder: Auf die derzeit viele junge Menschen umtreibende Frage, wie wir uns eigentlich im Jahr 2017 politisch engagieren können, liefert das F Mag seitenweise Beispiele erfolgreicher Frauen (und Männer). Die Leser*innen erfahren außerdem von jungen Bundestagsabgeordneten, wie das so ist: jung sein im Bundestag; mehr aber auch nicht. Ist das noch Politik oder schon Sex und Lametta?

Nach der Arbeit kommt bekanntlich das Vergnügen und so erteilen die Autor*innen uns Leserinnen später im Heft die Absolution in Sachen Sex und erklären: Jede*r hat Sexfantasien und manchmal können diese auch verstörend sein. Ist notiert. Ansonsten gilt für diese Rubrik eher „Sex sells“ als „Name ist Programm“.

Lametta sollen laut Inhaltsverzeichnis die Bereiche Mode, Kultur, Genuss abdecken. Warum sich ausgerechnet dort ein durchaus interessantes Stück über Hautfarbe bzw. people of colour wiederfindet, oder vielmehr versteckt, lässt mich ratlos zurück. Wenn das nicht Politik ist, was dann? Stichwort: Intersektionalität.

Stattdessen sucht man als Leserin vergeblich nach Kultur. Mehr als ein Interview mit dem Frauenduo Gurr aus Berlin ist da nicht drin. Kann man so machen. In einer Welt, in der Popkulturjournalismus hauptsächlich von Männern gemacht wird, ist das aber ein bisschen dürftig – erst recht für ein F Mag.

Die Macher*innen toben sich nicht nur mit Hilfe von spannenden, aber auch teilweise schwer zu begreifenden Bild-Text-Kombinationen aus, sondern wagen sich auch an interessante neue Formate: Zum Beispiel hat die Fotolovestory eine würdige Nachfolgerin in den Küchentisch-Dialogen gefunden. Die sind genau das, was sie versprechen: Dialoge von Menschen, die gemeinsam einen Abend am Küchentisch verbringen. Außerhalb des Printkosmos haben die Künstlerinnen Ninia LaGrande und Denise M’Baye mit ihrem Podcast „Die kleine schwarze Chaospraxis“ gezeigt, dass so ein Format durchaus Spaß machen kann.

Ihr größtes Versprechen aus dem Editorial halten die Autor*innen aber: „F Mag ist ein Abend mit den besten Freundinnen, guten Kumpels und Freunden von Freunden am Küchentisch.“ Von der persönlichen Beschreibung der Freundschaft zwischen einer Sozialdemokratin und einem Konservativen über Schminktipps von Drag-Queens bis hin zur Anleitung, was man so alles an einem Freitag leckeres frittieren kann: Das ist definitiv ein Abend mit meinen Freund*innen, der sich auch ganz nett auf 154 Seiten liest.

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Eine viel größere Herausforderung als das erste Heft wird für die Macher*innen aber nun die nächste Ausgabe sein: Nachdem jetzt fast alle aktuellen Mainstream-Diskurse des Feminismus zumindest an ihrer Oberfläche abgegrast sind, stellt sich die Frage: Womit füllen die Macher*innen die kommende Ausgabe? Ich bin gespannt und werde dem F Mag noch eine Chance geben. Denn – ganz im Sinne von Emma Watson – „Feminismus ist kein Stock, mit dem man andere Frauen schlagen kann.“

Warum soll ich das lesen?
Die erste Ausgabe des F Mag ist sozusagen das state-of-the-art dazu, was eine urbane Durchschnitts-Studierende der Sozialwissenschaften inmitten ihrer Zwanziger beschäftigt. Außerdem: Die Macher*innen haben es geschafft so ziemlich alle tollen Frauen der Bundesrepublik in einem einzigen Heft nicht nur unterzubringen, sondern auch zu Wort kommen zu lassen. Chapeau!

Risiken und Nebenwirkungen
Bei den vielen tollen Frauen, die im Heft vorgestellt werden ist Fangirltum möglich. Oder noch schlimmer: Frau wird selbst aktiv. Ich fühle mich mit 30 nach der Lektüre des F Mag allerdings richtig alt.

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Hanna Forys

 

Food &

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Food & ist ein kleines, schräges Mag, wie es so wohl nur aus Berlin kommen kann. “Unusual Encounters with Food” fasst es sein Anliegen im Untertitel zusammen. Die Auseinandersetzung mit Lebensmitteln wird mit jeder Ausgabe thematisch neu festgelegt. Der ungewöhliche Kontext führt dabei zu überraschenden Ergebnissen. Während das Thema der ersten Ausgabe “Bathrooms” war, haben wir es jetzt also mit “Aliens” zu tun.

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Das Heft ist entsprechend weird und hat durch seine DIY-Ästhetik einen gewissen Reiz. Eine Verortung von Food & ist durch seine Mehrsprachigkeit kaum möglich: it’s global. Auch wenn in Food & ein Rezept für Kürbissuppe abgedruckt ist, es könnte von einem klassischen Food-Magazin kaum weiter entfernt sein. Wer jedoch früher lieber mit seinem Essen gespielt hat, als es trostlos in sich reinzuschaufeln, ist hier gut aufgehoben.

Warum soll ich das lesen?
Es geht um Aliens und Essen. Da fragst Du noch?

Risiken und Nebenwirkungen
Du musst schon drei Sprachen beherrschen, um wirklich jeden Text lesen zu können.

> Food & online

Florian Tomaszewski

 

Was liest du, Mark Heywinkel?

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Jemanden wie Mark Heywinkel nennt man wohl Tausendsassa, oder, weniger altbacken: Digital Native. Bereits 2014 zählte ihn das Medium Magazin zu den “Top 30 bis 30″, seitdem und vorher schon war Heywinkel für diverse Projekte und Plattformen tätig, online, offline, oder beides gleichzeitig. Aktuell ist er Redaktionsmitglied bei ze.tt in Berlin und organisiert den Mediensalon in Hamburg. Zwischendurch schärft er sein Profil auf sämtlichen Social-Media-Kanälen oder kuratiert seine Spotify-Liste. Welchen Magazinen schenkt so jemand seine kostbare Zeit?Fragen wir ihn doch mal.

Was liest du, Mark Heywinkel?

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Vor zwei Jahren moderierte ich beim Reeperbahn Festival durch eine Diskussion zu der Frage, mithilfe welcher Medien sich diese jungen Menschen heutzutage über Musik informieren. Zwei der sogenannten Millennials saßen mit auf dem Podium und antworteten: Mit gar keinen. Spex, Musikexpress, Rolling Stone? Nehmen sie niemals in die Hand. Musik würden sie auf Spotify, iTunes oder über Youtube hören – Plattenkritiken oder Künstlerinterviews zu lesen, käme ihnen nicht in den Sinn. Ich kann das gut verstehen: Meine Freizeit nutze ich auch lieber zum Musikhören, statt mich tiefergehend mit Künstler*innen zu beschäftigen. Höchstens scrolle ich einmal die Woche über Pitchfork.com, um dem neuen heißen Scheiß nachzuspüren. Zum Hinsetzen und ausführlichen Lesen bringt mich nur dieses Magazin: die Intro. Weil sie so gut gelayoutet ist, weil die Menschen sympathisch wirken, die dafür arbeiten. Und weil ich dort ab und an auf Bands stoße, die im Überangebot der Streamingangebote an mir vorbeigezogen wären.

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Als ich zum ersten Mal “Faust” las, kam ich nicht ganz mit. Erst eine Inszenierung mit Bruno Ganz machte mir den Stoff greifbar. Daraufhin las ich “Faust” erneut, ich wurde Fan. Dass ich so lange gebraucht habe, um mit Goethes Werk warm zu werden, hat vielleicht dafür gesorgt, dass ich heute mit einer gewissen “Faust”-Hellhörigkeit durchs Leben gehe – alles, was damit zu tun hat, interessiert mich. Und so stolperte ich über die “Faust”-Ausgabe des Buchs als Magazin, dessen Konzept ich seitdem groß bewundere: Zweimal jährlich erscheint das Magazin sowohl mit dem Originaltext eines Klassikers – vor “Faust” gab’s unter anderem Schnitzlers “Traumnovelle” oder Kafkas “Verwandlung” – als auch mit zum Thema passenden journalistischen Texten. Schöne Geschichten sind das, gedruckt auf dickem Papier. Das ist ein Magazin, das man auch gut verschenken kann.

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Fluter, das Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) erscheint einmal im Quartal, jeweils zu einem Schwerpunktthema. Das aktuelle lautet “Identität”, die Ausgabe beginnt mit einem Interview mit Wolfgang Engler, dem Leiter der bekannten Berliner Schauspielschule Ernst Busch. Einen Schauspielausbilder, der sich mit Menschen und Charakteren per Profession gut auskennt, nach dem Wesen der Identität zu befragen, finde ich ziemlich clever – wie auch sonst alles, was der Dummy-Verlag mit dem Fluter für die bpb produziert. Ein Abo ist kostenlos, jede*r sollte es abschließen.

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Außer dem Fluter beziehe ich keine Abos mehr, ich bin ein Magazinspontankäufer und bei der Lektüre arg inkonsequent: Manchmal kaufe ich ein gut gemachtes Magazin, um dann bloß einen Artikel zu lesen, bevor ich es wieder entsorge. Dem ZEITmagazin gelingt es am häufigsten, dieses schludrige Nutzerverhalten zu durchbrechen: Ich freue mich über den neuen Janosch, springe zur Deutschlandkarte, zurück zur Gesellschaftskritik, gluckse fröhlich bei den elitären Liebesgesuchen im hinteren Teil, lese die Titelgeschichte – um irgendwann festzustellen, dass ich wieder ein ganzes ZEITmagazin gelesen habe. Das sagt doch alles.

Die Homepage von Mark findet ihr hier. Vielen Dank, Mark!

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