Charlie Hebdo in der deutschen Ausgabe

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Noch im Dezember des vergangenen Jahres ist die deutsche Erstausgabe des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo erschienen. Unter großer Aufmerksamkeit und mit großem Aufwand. Ein kleiner, später Blick auf ein Stück Frankreich in Teutonia.

Humor können wir ja, wie auch alles andere, auf der Welt am besten. Wieso eigentlich exportieren dann die Franzosen ihr Satiremagazin zu uns? Das wird man doch wohl mal fragen dürfen!

Das ist schon die erste Antwort. Weil wir Satire brauchen. In unsere Zeiten, in denen Rechtspopupulisten, Angst und Fanatisten unsere Welt vor sich her treiben, da kann es, verdammt noch mal, gar nicht genug davon geben. Es sind ausnahmslos alle verrückt geworden.

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Trotzdem und ganz abgesehen davon: Charlie Hebdo is not for everybody. Aber das sind die Titanic, Pardon oder, oh je, der Eulenspiegel auch nicht. Charlie Hebdo ist für ein Satiremagazin interessant politisch und um Ernsthaftigkeit bemüht. Und auf der Seite gegenüber gibt es dann Nacktkarikaturen von Merkel zu bestaunen.

Warum soll ich das lesen?
Statt “heute” guckst Du schon länger die “heute show”. Und auch wenn Du an das Gute im Menschen glaubst, misstraust Du mehr und mehr der etablierten Presse. Vielleicht ist Charlie Hebdo ja Dein Ausweg aus dieser Misere.

Risiken und Nebenwirkungen
Nach ein paar Wochen schon merkst Du, wie nah sich Charlie Hebdo und die taz eigentlich sind.

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Sven Job

Utopie

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Vielleicht ist es ganz sinnvoll, zum Ende des Jahres ein Magazin namens Utopie in die Hände zu nehmen. Besonders dann, wenn die Realität wie in den vergangenen 12 Monaten kaum auszuhalten war. Utopie also, das “Magazin für Sinn und Verstand”. 2014 finanziert via Crowdfunding und nun mit der zweiten Ausgabe vorliegend.

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Vor allem der Verstand, das wird schnell klar, ist beim Lesen dann auch notwendig. Utopie ist kein schneller Snack, schließlich geht es hier um nicht weniger als die Hinterfragung bestehender Verhältnisse und die Verhandlung entsprechender Alternativen. Nur wenige Illustrationen durchbrechen die Textflut. Die Artikeln selbst kommen sehr theoretisch daher. Utopie will zum Diskurs und Austausch anregen. Und wie wir wissen, werden die meisten Revolutionen um drei Uhr morgens am WG-Küchentisch ausgerufen. Oder eben auf 140 Seiten Print. Und jetzt wollen wir Weihnachten feiern!

Warum soll ich das lesen?
Utopie & Revolution: Nie klang das so verlockend wie jetzt.

Risken und Nebenwirkungen
Während die Stadt schon brennt, diskutierst Du immer noch.

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Florian Tomaszewski

Socrates

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Der eine legte in Athen den Grundstein der abendländischen Philosophie, der andere in São Paulo den des eigenständigen Denkens unter Fußballern. Welche der beiden Errungenschaften in der Zwischenzeit stärker in Mitleidenschaft gezogen worden ist, möge jeder selbst beurteilen. Die beiden großen Männer verbindet ein Name: Sokrates. Der zweite, der mit c geschriebene Brasilianer, war Doktor der Medizin, starker Raucher, Revolutionsführer und – ein verflucht guter Fußballer.

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Inzwischen ist er auch Namensgeber für das “denkende Sportmagazin”, das erstmals vor gut zwei Jahren in der Türkei und jetzt auch in Deutschland erschienen ist. In den monatlichen Heften soll es nicht nur um Fußball, sondern auch um viele andere Sportarten gehen – auch wenn auf dem Cover der Erstausgabe dann der Kloppo zu sehen ist. Hierzulande zieht das natürlich! Auf den über 100 Seiten geht es dann aber tatsächlich recht eklektisch zu. Tennis, Base-, Hand- und (deutscher!) Basketball – alles schön bunt gemischt und ansprechend aufbereitet.

In Interviews und Porträts nähert sich Socrates seinen Themen über seine Protagonisten. Denn im Zentrum des Interesses stehen ganz eindeutig: Spieler, Turner, Läufer, Springer, Werfer, Fahrer und Trainer. Alles mit geschmackvollen Illustrationen und schönen Fotos sehr ansprechend aufbereitet. Abseits der tagesaktuellen (Ergebnis-)Berichterstattung gibt es jene Geschichten, die erzählt werden können, wenn das Flutlicht erloschen, der Schweiß getrocknet und alle Wunden verarztet sind.

Warum soll ich das lesen?
Profisport muss nicht nur Anlass für Berieselung aus der Glotze und Alkoholabusus sein, sondern darf für tiefergehende Gedanken sorgen – why not?

Risiken und Nebenwirkungen
Plötzlich trumpfst Du auf bei abseitigen Fragen in der Quiz-Kategorie “Sport”, die all Deine feingeistigen Freunde hassen.

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Christian Vey

Wolf

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Uns Männern scheint es schlecht zu gehen. Nach Jahren im Fitnessstudio (Premium-Mitglied), in Meetings (Platz neben dem Chef), in Zügen (BahnCard 100) und im Flieger (Business Class) nimmt man uns nun zur Seite und spricht beruhigend auf uns ein: Mach mal langsam, komm mal runter, fäll’ ein Baum, bau ein Kanu.

Bei Gruner + Jahr heißt die Beruhigungspille Wolf und ist “Das Männer-Magazin fürs Wesentliche”. Auch der Wolf ist ja vom Alpha- zum Sorgentier mutiert, auf den nicht mehr vor Furcht der Finger gerichtet wird, sondern der Gewehrlauf. Vielleicht heißt das Heft aber auch einfach so, weil es als Special der Entschleunigungsbibel Flow erscheint und irgendjemand mal auf die Idee gekommen ist, “Flow” rückwärts zu lesen. Egal. Was will der Wolf also von uns?

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Vor allem, dass wir mal runterkommen. Innehalten. Verzichten. “Mehr offline. Mehr Freiheit” heißt das auf dem Cover mit dem VW-Bus, der dafür scheinbar immer wieder herhalten darf. Im Heftinneren sind das dann Männer und ihre Hütten im Grünen, Mental Training (“Bodybuilding für die Seele”) oder die gute alte Schallplatte. Ähnlich wie mit dem ZeitMagazin MANN hält man mit Wolf ein Heft in den Händen, dass sich von Männermagazinen wie Men’s Health oder FHM bewusst absetzt und den Leser eher auf die Yogamatte statt auf die Hantelbank schickt. Die Limited Edition – das gibt es jetzt auch bei Magazinen? – erscheint zusätzlich mit einem Auto-Quartett und einer herausnehmbaren Reportage des New York Times Magazine.

Der Wolf will vielleicht vor allem eins: einfach mal wieder gestreichelt werden.

Warum soll ich das lesen?
Entspann dich, Mann!

Risiken und Nebenwirkungen
Selbst dafür brauchen wir eine Anleitung. Können wir nicht auch einfach auf dem Sofa sitzen und fernsehen?

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Florian Tomaszewski

Vinyl Stories

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Die Nadel legt sich auf die schwarze Scheibe, berührt sie fast zärtlich. Ein kurzes und leises Knistern. Schließlich setzt die Musik ein. Während eine CD während des Abspielens unsichtbar bleibt und eine Datei niemals in Deiner Hand liegen kann, bleibt es an der Platte, für die Romantik in der Musik zu sorgen. Nur kurz haben wir Vinyl den Rücken zugedreht, uns flüchtige Affären gesucht. Doch jetzt ist die Schallplatte wieder in unser Leben getreten – sie ist unsere Insel im Meer der unendlichen Verfügbarkeiten. “Schallplatten hören in der digitalen Zeit” nennt das die erste Ausgabe von Vinyl Stories etwas sachlicher auf seinem Cover.

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Vinyl Stories ist nach Mint bereits das zweite Magazin auf dem Markt, das sich um die Schallplatte, ja genau, dreht. Vinyl Stories kommt aber weniger geekig daher, im Vordergrund steht der Lifestyle um die Platte, die titelgebenden Stories eben. Auf technischen Schnickschnack wird, anders als in Mint, verzichtet. Hier werden keine Lautsprecher oder Plattenspieler unter die Lupe genommen, und auch von Album Reviews sieht Vinyl Stories ab. Stattdessen gibt es Fotos halbnackter Frauen in Schwarz-Weiß und einen Bericht über Urban Outfitters, in dem Schallplatten mittlerweile zum abholbaren Lifestyle-Paket gehören. Andere Themen hingegen, wie die Reportage über den digitalen Plattenmarkt Discogs, finden in beiden Magazinen ihren Platz.

Chefredakteur Michael Hopp konnte für die erste Ausgabe einige prominente Namen gewinnen. Tocotronic-Gitarrist Rick McPhail schaut sich die Plattensammlung von Scooter-Frontmann H.P. Baxxter an, Gereon Klug hat die unterschiedlichsten Fragen zum Thema Vinyl und Nilz Bokelberg schreibt über die Bedeutung der Schallplatte im Film. Das alles ist fabelhaft bebildert und wunderbar zu lesen. Zur Übersicht dient die Einteilung des Heftes in “Music”, “People”, “Ecosystem” und “Reflections”.

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Schön, dass es mit Vinyl Stories knapp ein Jahr nach Veröffentlichung von Mint bereits ein zweites Magazin zum Thema gibt. Man legt ja auch nicht ständig die gleiche Platte auf.

Warum soll ich das lesen?
Wer kauft bei Urban Outfitters eigentlich seine Platten? Und vor allem: welche? Vinyl Stories verrät es Dir.

Risiken und Nebenwirkungen
Nach Stadtvierteln könnte bald auch Vinyl der Gentrifizierung zum Opfer fallen.

> Vinyl Stories online

Florian Tomaszewski

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