Quicumque

IMG_0726

Sollte irgendwann mal alles den Bach runtergehen, werden die meisten von uns wohl ziemlich aufgeschmissen sein. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, muss man sich nicht einmal eine The Walking Dead-Staffel anschauen. Es reichen bei vielen ja schon die Worte “Kein Netz” auf dem Handydisplay, um kurz das Prickeln der Apokalypse zu spüren. Besser ist es da, gut vorbereitet zu sein. Das Magazin Quicumque will dabei helfen und kann vielleicht auch Dein Leben retten.

Zugegeben, es gibt Magazine mit eingänglicherem Titel, aber der Zusatz “Zeitschrift für autarkes Leben” ist ja auch selbsterklärend. Wer unabhängig von den “Abhängigkeiten in der modernen Welt” sein will, findet in Quicumque “Antworten und Anregungen”, erklärt uns das Editorial. Zumindest, wenn man sich schon einmal gefragt hat, wie man eigentlich ein Schaf schert oder Strom aus Holz gewinnen kann.

IMG_0736

Quicumque ist glücklicherweise kein Lifestyle-Magazin, das auf den aktuellen Trend des “Do It Yourself” aufspringt. Im Heft regiert der Pragmatismus, die Texte sind nüchtern und bleiben meist auf einer sachlichen Ebene. Selbstversorgung ist hier harte Arbeit und kein hipper Fetisch für Großstädter, die gelegentlich von der Sehnsucht nach der Natur und dem “echten Leben” gepackt werden. Das Magazin vermeidet dabei auch Gedankenspiele über mögliche Untergangsszenarien, sondern bleibt stets eng bei seinem Thema.

Neben Anleitungen zum Brotpacken oder Tipps zur richtigen Zusammenstellung einer Notapotheke (inklusive Kostenkalkulation) gibt es Best-Practice-Beispiele und Interviews mit Profis der Selbstversorgung. Quicumque ist also ein Service-Heft, das unser Leben bereichern will und hoffentlich nie retten muss.

Warum soll ich das lesen?
Am Ende soll es doch nicht daran scheitern, dass Du nicht weißt, wie man Rotkohl einkocht.

Risiken und Nebenwirkungen
Die Fotos im Heft wirken durch die Filterwahl manchmal etwas gruselig. Und überhaupt: Wofür sollen die Mullbinden in der Notfallapotheke denn sein? Unweigerlich musst du doch an die letzte The Walking Dead-Staffel denken.

> Quicumque online

Florian Tomaszewski

Das Prolog

presse84

Es soll ja Leute geben, bei denen gehen die Fragezeichen schon an, wenn jemand “Epilog” sagt. Oder “Prolog”. Oder “Trivialkultur”. Ein “Magazin für Trivialkultur”, was soll das denn überhaupt sein?

Während uns alle anderen Magazine erklären wollen, wie was funktioniert, oder uns Blogs am Seelenleben unserer von Zweifeln und Zukunftsängsten gequälten Generation teilhaben lassen, spielt das alles in Das Prolog eine untergeordnete Rolle. Hier geht es nicht um die Hintergründe unserer komplexen Welt, sondern um (in keiner speziellen Reihenfolge): White Trash und Mindfucks, Popkultur-Blogs und Wendy-Magazine, um Selbstoptimierung, Trolls und Quatsch.

presse84b

Die Welt ist verdammt in Eile geraten – na und?

Es ist nicht so, dass sich die Macher von Die Epilog bei diesem Konzeptheft ein paar Gedanken gemacht haben. Memes, Griechenlandkrise, Globalisierung – natürlich kann man sich diesen Angelegenheiten mit der möglichen investigativen Muße widmen. Doch wenn Dich Tag für Tag ein nigerianischer Prinz per E-Mail um Deine Hilfe bittet – warum auf diesen Wahnsinn nicht mit gleicher Münze antworten?

Zielgruppe? Welche Zielgruppe?

Das Prolog wirft Fragen auf, anstatt sie zu beantworten. Was soll dieses geil kaputte Layout zwischen Pizza-Bringdienst und Bravo? Wer ist Madame Psychosis? Oder auch: Für wen ist das gemacht? Ist doch egal. Das kleine Zine macht Lust auf mehr, weil es so grundlegend anders ist als alles, was so auf unserem Schreibtisch landet. Und weil die verwendeten Stockfotos einem dem Kopf durchblasen, wie es lange schon nötig war. Eigentlich ganz geil.

Warum soll ich das lesen?
Blogs zu Magazinen zu machen ist ja das neue heiße Ding. Irgendwie haben die Menschen bei Das Prolog/Die Epilog da aber alles falsch verstanden. Super!

Risiken und Nebenwirkungen
Da findest Du ein Magazin genau für Dich, und dann soll das eine Einmal-und-nie-wieder-Geschichte gewesen sein? Das ist eher suboptimal. Und auserzählt ist die Foto-Love-Story auch noch nicht!

> Das Prolog / Die Epilog online

Sven Job

Push To Read – Ein Heft zum Game Boy (classic)

presse78
Din A5, einfach gebunden, knappe 40 Seiten dick und das Beste: komplett in schwarz-weiß. Alles klar: Nach Retro Gamer und WASD (das Ende 2014 zum Thema eine Ausgabe veröffentlicht hat) dreht sich mit Push To Read das Retro-Karussell weiter. Das ist jetzt also das Heft für alle Liebhaber des kleinen grauen Kastens namens Game Boy. Der war zwar nicht der erste Handheld, mit dem Videospiele unterwegs möglich wurden, aber ganz sicher der erfolgreichste. Auch wenn das auf dem Smartphone heute auch geht; wer portables Gaming meint, der denkt immer noch vor allem an den Game Boy, der in vielen Varianten und Fortentwicklungen weiterlebt.

Die Liebe zum Ur-Game Boy aber geschieht aus Nostalgie. Mal ehrlich: Wie anders lässt sich die Faszination für dieses Gerät erklären, das mit seinem monochromen Display, piepsigen Sounds und der Haptik eines Ziegelsteins schon damals nicht das Geilste auf dem Markt war?

Aber zum Glück ist Nostalgie das alles egal. Wie passend, dass auch das Heft selbst so super-old-school wirkt – handgezeichnete Illustrationen und Comics, ein nicht-existentes Layout und viel viel Text versprühen einen unschuldigen Charme. Push To Read wirkt wie ein Fanzine von 1993. Es könnte sich mit Punk befassen oder Feminismus, gemacht von einer Kirchenjugendgruppe oder einer Ortsgruppe der Grünen. Das ist auch vollkommen okay so, schließlich steht schon auf dem Cover: “Von Fans für Fans”. Davon abgesehen ist der Inhalt aber up-to-date: Wir lesen Interviews mit Menschen, die die Technik des Game Boys noch heute nutzen, um Songs zu komponieren oder Zuhause neue Spiele zu entwickeln. Features über einen Collector und die Tetris-Meisterschaften zeigen, wie ernst es den Heft-Machern mit ihrem Sujet ist.

Jetzt ist die zweite Auflage erschienen, sogar mit Gimmick. Die wird bestimmt auch schnell wieder ausverkauft sein.

Warum soll ich das lesen?
Tetris wird Dich wieder in seine Arme nehmen. Der kalte Krieg beginnt von vorn!

Risiken und Nebenwirkungen
Wenn Du damit heute im Bus stehst, wirst Du von den Zehnjährigen eventuell ausgelacht. Kein Problem, der Original-Game Boy ist so schwer, dass Du ihnen ordentlich eine wummern kannst.

> Push To Read – Ein Heft zum Game Boy (classic) online

Sven Job

Print is Dead. Long Live Print

presse83

Wie viele Magazine haben wir in den letzten drei Jahren eigentlich besprochen? So um die hundert? Darunter sehr viele Indie-Magazine, die es ganz ohne großen Verlag und Vertrieb, ohne Werbebudget geschafft haben, sich durchzusetzen. Stattdessen auf Crowdfunding und Mundpropaganda setzen. Und Nischen besetzen, die wir uns im Zeitschriftenregal zwischen TV Spielfilm und Gala einfach (noch) nicht vorstellen können.

presse83d

Etwa The Gourmand, Perdiz oder Hot Rum Cow – drei aus diesem Buch, die wir vorgestellt haben. Und die lassen sich nicht mehr so einfach einordnen wie Magazine früher. Wenn es in The Gourmand um Essen geht, dann ist das nur der Aufhänger, um sich philosophischen Fragen zu widmen, Kunst-Fotostrecken zu bringen oder Anekdoten vom Kochen und Dinieren. Viele weitere Zines aus den Bereichen Kunst und Design, Travel und Food, Gesellschaft, Sport und Lifestyle lassen erahnen: Inspiration ist grenzenlos.

So was wie T-Post fällt vielleicht schon mehr unter die Kategorie “Gadget” – ein Magazin, oder vielmehr ein Artikel, gedruckt auf ein T-Shirt. Andere Zines kommen in Dosen, Schuhkartons, als Frisbee (!) oder Poster.

presse83a

Wer durch Print is Dead. Long Live Print blättert, merkt dabei sofort: Jedes Magazin ist in Look und Inhalt einzigartig. Und viele haben bereits in ihrer frühen Phasen einen eigenen Stil entwickelt. Aber was sie eint, ist der Verzicht auf konventionelle Formen der Produktion, Finanzierung und Vertrieb. Wer nach Lektüre des Buches auf das ein oder andere Zine Lust bekommt (und das können wir fast garantieren), der sucht danach am besten und schnellsten im Netz.

presse83c

Warum soll ich das lesen?
The Gentlewoman, Apartamento, Little White Lies: kennste? Und was ist mit Manzine (parodiert Männer-Lifestyle-Magazine), Boneshaker (Radfahren mit Chic) und Cat People (tja, Katzen halt)? Siehste.

Risiken und Nebenwirkungen
Der einzige Kritikpunkt: Die Auswahl konzentriert sich sehr auf UK und die Staaten – und sehr viele der Zines sitzen in London. Ein bisschen mehr Abwechslung wäre schön; gerade bei uns geht ja auch mittlerweile sehr viel.

> Print is Dead. Long Live Print online

Sven Job

Interview mit Julius Matuschik und Sebastian Cunitz (Cameo Magazin)

IMG_0712

Als wir die erste Ausgabe des Cameo Magazins besprochen haben, waren Themen wie Flucht und Asyl bereits präsent und das Magazin in unseren Augen ein wichtiger Beitrag zur Thematik. Spätestens in diesem Sommer jedoch dürfte jedem klar geworden sein, dass unsere Gesellschaft vor einer gewaltigen Veränderung steht. Die zweite Cameo-Ausgabe kann also aktueller nicht sein und gibt wieder denen eine Stimme, über die meist nur in abstrakten Begriffen gesprochen wird: den Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und in Deutschland Zuflucht gefunden haben. Dies geschieht durch persönliche Briefe und Fotos aus einem Kloster, das 39 Flüchtlinge beherbergt. Wir haben den beiden Herausgebern Julius Matuschik und Sebastian Cunitz einige Fragen zu ihrer Arbeit gestellt.

Wie war die Resonanz nach der ersten Ausgabe?
Die Resonanz war durchwegs positiv. Unser Hauptanliegen ist es, dass Menschen die Briefe der Flüchtlinge lesen. Das Magazinkonzept um die Briefe herum, also Gestaltung und Fotografie, soll Neugierde wecken und die Briefe visuell unterstützen.

Zu hören, dass das Konzept funktioniert, ist ein riesengroßes Kompliment und hilft uns dabei, weiter zu denken und zu machen. So erreichen wir hoffentlich noch mehr Menschen, die diese Briefe lesen können.

IMG_0717

Was ist seitdem passiert? Ihr habt ja in einem unserer Kontakte angedeutet, dass jede Menge los war.
Nach der ersten Ausgabe haben wir Mitstreiter gefunden, die uns bei der Umsetzung des Magazins, aber auch darüber hinaus, unterstützen wollen.

Wir möchten uns für einen nachhaltigeren und fairen interkulturellen Dialog einsetzen. Für uns geistern noch viel zu viele Vorurteile umher, nicht nur in Bezug auf Flucht und Asyl. Daher bieten wir uns als Kollektiv an, um Ideen umzusetzen. Das kann die Konzeption einer Ausstellung, eines Workshops oder eben eines Magazins sein. Ausserdem haben wir die Auflage verdoppelt, weil wir beabsichtigen, den Vertrieb nicht mehr nur über unseren Online-Shop zu leisten, sondern auch über andere Kanäle.

Wie stellt iIr den Kontakt zu den Protagonisten im Heft her? Wie kann man sich den Entstehungsprozess vorstellen?
Bevor wir anfangen, Briefe schreiben zu lassen, möchten wir die Protagonisten und den Ort erst einmal kennenlernen. So können wir den Mikrokosmos der jeweiligen Gemeinschaft und Unterkunft verstehen lernen. An Gemeinschaftsabenden erklären wir dann unser Projekt und versuchen, zusammen Ideen zu finden. Welche Gedanken und Gefühle habt ihr für die Briefe? Wie geht’s euch hier? Wo könnte man die Porträts machen?

IMG_0723

Was wünscht Ihr Euch, mit Cameo zu erreichen?
Cameo soll Brücken schlagen, einen Dialog anregen sowie Sympathie und Empathie für geflüchtete Menschen wecken. Nach Vorträgen oder Ausstellungen mit Cameo erhalten wir oft als Feedback, dass man jetzt gerne selbst aktiv werden will oder einfach nur mal in eine Unterkunft will, um mit Geflüchteten zu sprechen. Dann hat es für uns funktioniert!

Ist Cameo ein politisches Magazin?
Die Themen Flucht und Asyl sind zwar politisch, wir möchten das Ganze aber auf eine menschliche Ebene bringen, fernab von Dublin II oder Königsberger Schlüssel. Politik wird von Menschen gemacht, scheinbar ist aber bei vielen Eines noch nicht angekommen: Nächstenliebe.

Wie geht es weiter?
Wir haben Cameo – Gedanken über Gastfreundschaft bisher als Trilogie verstanden und möchten auf jeden Fall noch eine Ausgabe nach dem selben Konzept machen. Danach soll es mit einem anderen Begriff, wie “Hoffnung” oder “Liebe”, weitergehen. Es werden Begriffe gesucht, die Brücken bauen und Verbindungen schaffen. Jeder Mensch hat schließlich Träume und Hoffnungen.

Danke, dass Ihr Euch Zeit für uns genommen habt. Macht weiter so!

> Cameo Kollektiv online
> Cameo Magazin online

Unsere Besprechung der ersten Ausgabe von Cameo findet Ihr hier.

Das Gespräch führte Florian Tomaszewski

Seite 4 von 46« Erste...345...102030...Letzte »