Froh! Magazin

“Das Leben ist ein Spiel”, ein abgegriffener Spruch, den viele jedoch sofort unterschreiben würden. Schließlich hat man häufig genug erleben müssen, wie nahe Glück und Pech im Alltag beieinander liegen und der eigene Lebensweg von Zufällen geprägt scheint. Wer ins Gefängnis geht und wer über LOS, entscheiden die Würfel. Ein Magazin über Spiele ist also immer auch ein Magazin über das Leben.

Das daumendicke Froh! Magazin aus Köln hat sich mit seiner aktuellen Ausgabe genau diesem Thema angenommen und bereitet es auf knapp 100 wertigen, werbefreien Seiten ganz fabelhaft auf. Neben Artikel, die tief in das Wesen des Spiels eintauchen, steht ganz Praktisches, wie die Bauanleitung zu dem “besten Papierflieger der Welt” oder ein klassisches Suchbild. Spiel ist eben nicht nur Theorie, sondern vor allem Praxis.

Farbenfroh illustriert ähnelt das Froh! Magazin dabei einem Sammelalbum voll skurriler Fundstücke und interessanter Fakten zu einem vorgegebenen Thema. Ob nun also “das Leben ein Spiel ist” oder doch das Spiel ein Abbild des Lebens, wie Max J. Kobbert, Erfinder des “verrückten Labyrinths”, in seinem einleitenden Text beschreibt, ist wahrscheinlich völlig egal und irgendwie auch beides richtig. Darüber zu lesen macht in jedem Fall Spaß. Und als wäre das noch nicht Grund genug für umfangreichen Applaus, gehen 50 Cent jeder verkauften Ausgabe des Gesellschaftsmagazins an ein ausgewähltes Förderprojekt.

Warum soll ich das lesen?
Nach der Lektüre fällt dir ein, dass du irgendwo im Keller noch ein altes Monopoly-Spiel hast. Sofort lädst du deine Freunde zu einem Spieleabend ein.

Risiken und Nebenwirkungen
Danach weißt du wieder, warum das Spiel im Keller war. Der Spieleabend musste unter Geschrei und Tränen abgebrochen werden.

> Froh! Magazin online
> Das gute Projekt

Florian Tomaszewski

Retro Gamer

Mit der Nostalgie ist das so eine Sache. Sie wärmt, versperrt aber auch den Blick. Früher war alles besser: Wer dem Gestern verfällt, wird blind für das Neue, Aufregende, für jetzt und hier. Für die Zukunft. Aber: Nostalgie kann auch Spaß machen.

Blast from the past

Fangen wir noch einmal von vorne an: Retro Gamer – übrigens ein britisches Magazin, das für den deutschen Markt behutsam lokalisiert worden ist – richtet sich an alle, die digitalen Spielspaß und technische Spezifikationen voneinander zu trennen wissen. An jene, die ihre Freude haben an Sprites und 16-Bit-Grafiken, an obskuren Spielekonsolen aus uralten Zeiten, Joysticks und Textadventures. Und, na ja, auch an die, die glauben, dass die Spiele gestern und vorgestern sowieso viel besser waren. Retro Gamer gibt dieser Gruppe kräftig Futter. Früher, ja früher waren die Spiele noch simpler gestrickt und die Grafiken kamen mit geordneten 256 Farben zurecht. Toll!

Doch Moment – das stimmt so ja alles nicht. Erstmal behandelt Retro Gamer mehrere Dekaden der Videospielkultur und erstreckt sich dabei über alle möglichen Systeme und Nischenprodukte. Die Erfahrungen, die in diesem Bookzine mit seinen 260 Seiten in Interviews, Bildstrecken und Spiele-Auflistungen gesammelt werden, sind so zahlreich und divers, farbenfroh und variantenreich wie die Welt der Videospiele selbst, der mit Retro Gamer ein doch kompetentes und frisch gemachtes Denkmal gesetzt wird. Der schiere Umfang dieses Wälzers sorgt für Respekt – doch dafür soll er auch nur alle drei Monate erscheinen. Wer sich für die Geschichte der digitalen Spielekultur interessiert, darf ohne zu zögern zugreifen. Und all jene, die es aus purer Nostalgie kaufen, um sich noch einmal in ihrer eigenen Kindheit zwischen ColecoVision und Playstation zu suhlen – macht euch auf was gefasst.

Links die englische Originalfassung, rechts die Lokalisation.

Warum soll ich das lesen?
Mama sagt, du sollst nicht immer vor der Xbox sitzen. Easy.

Risiken und Nebenwirkungen
Bald stehen in deinem Zimmer auch noch eine Dreamcast und ein C64 – beide auf dem Flohmarkt gefunden.

> Leseprobe Retro Gamer #01

Sven Job

brink

Wenn brink als “Magazin zwischen Kunst und Wissenschaft” bezeichnet wird, mag das für manchen, auch in Verbindung mit dem minimalistischen Äußeren, abschreckend wirken. Wir haben dennoch den Blick ins Innere gewagt und wurden reich belohnt.

Aus Frust über die Starrheit der universitären Lehre rufen vier Studenten der Universität Bochum, Essen und Wuppertal brink ins Leben. Mit einer ganzen Armada an jungen Autoren, Fotografen und Grafikern stürzt man sich in die interdisziplinäre Auseinandersetzung zu jeweils einem Aspekt. In Ausgabe 1, die bereits Ende 2011 erschienen ist, wird dieser mit “das andere sehen” beschrieben, während die vor einigen Wochen veröffentlichte zweite Ausgabe das Oberthema “sprung” bearbeitet. Das Magazin vereint dabei akademische Texte, die nichts für das entspannte Lesen auf dem Strandtuch sind, mit verspielter Typografie. Die Texte werden spiegelverkehrt, quer oder auf dem Kopf stehend gedruckt. Manchmal springt ein einzelner Buchstabe auch davon, ganz so als wolle er den Klauen des Heftes entkommen. Wenn sich die Gedanken ihrer Fesseln entledigen, warum dann nicht auch das gedruckte Wort?

Wer brink in die Hand nimmt, stößt in den Fußnoten auf Klassiker wie Goethe, Descartes und Kant. Aber auch zeitgenössische Kunst wird in Form von Grafiken und Fotografien großformatig abgebildet. Der Inhalt nähert sich dem vorgegebenen Thema an, betrachtet es von allen Seiten und erhebt doch keinen Anspruch auf Eindeutigkeit. Ein deutsches Volkslied besagt: “Die Gedanken sind frei”. brink ist dessen Entsprechung.

Warum sollst du das lesen?
Wenn dich dein Gegenüber fragt, was du da liest, kannst du sagen: “Überlegungen zur Aktualität von Goethes Farbenlehre.”

Risiken und Nebenwirkungen
Dein Gegenüber verfällt in eisiges Schweigen.

> brink online

Florian Tomaszewski

Brav_a

Die Zeitschriftenregale da draußen sind eine Welt voller Wunder – World of Print, eine einzige Schatztruhe. Soviel war klar. Fanzines gehen noch weiter – sie sind das perfekte Vehikel für jede Nischenkultur. Was braucht es schon dazu? Ein Thema, ein waches Auge und die Lust, daraus ein Magazin zusammenzubasteln. Mehr oder weniger professionell, im Internet oder ganz altmodisch wird Seite für Seite kopiert und aneinander geklebt. Die Community erledigt den Rest – fertig ist der Step in die Subkultur der Fanzines!

Du kriegst auf dem Sookee-Konzert keinen Glitzer ab

Darf man hier noch von einem Nischenheft sprechen? Political Correctness verbietet es vielleicht – hier geht es um nicht weniger als Gender, Identität, Individualität. Brav_a ist nach Selbstbeschreibung ein “queer-feminist teenmag” in englischer und deutscher Sprache. Genau: eine Art Bravo für die anderen. Inklusive Foto-Love-Story, Psychotest und “Star Interview”. Aber weil es ja ein Fanzine ist und zudem aus der emanzipiert-linken Szene kommt, ist es auch: edgy, konfrontativ und ein bisschen Satire.

Gegen Lookism und Monogamie zu sein ist die eine Sache, als Außenstehender zu kapieren, wofür “LGBTTSIQQA” steht, die andere. Glitzer? Sookee-Konzert? Rätselhafte Codes – oder ist hier einfach nur von ein paar Riot Grrrls die Rede, die auf einer Bühne stehen? Aber: Wir lassen uns gerne alles erklären. Brav_a gibt sich kämpferisch. Ein Magazin, das sich irgendwo zwischen subversivem Humor und seriöser Ansprache positioniert. Comics sind zu finden und Essays, die vom “ersten Mal” berichten – trotzdem machen sich die Herausgeberinnen Maja und Isabelle keine Illusionen, wen sie erreichen können. Die Hoffnung bleibt, dass Brav_a auch mal “in die falschen Hände fällt”. Preaching to the converted? Mag sein. Ein Zine ist bestimmt der beste Anfang.

Warum soll ich das lesen?
Eine Szene – von innen bewohnen oder von außen mal reinschauen. Du hast die Wahl.

Risiken und Nebenwirkungen
Du kriegst auf dem Sookee-Konzert immer noch keinen Glitzer ab.

> Brav_a online

Sven Job

“Es ist sehr viel schöner, durch die Seiten zu blättern und das Papier zu fühlen”

Magpile ist ein neuer Online-Dienst, der sich komplett um Hefte dreht. So wie wir – nur ganz anders. Wie, warum, wo und überhaupt? Wir haben Gründer Dan Rowden befragt.

Was genau ist Magpile?
Magpile ist eine neue Online-Community für Leser von Magazinen. User können ihre Sammlungen erfassen, neue Magazine entdecken und an einer Datenbank mitarbeiten, die immer weiter wächst und in der alle möglichen Magazine zu finden sind, weltweit.

Was hat das Projekt für einen Vorteil?
Leser können über Magpile verfolgen, welche Magazine sie selbst besitzen und welche Ausgaben ihnen noch fehlen. Sie können sich auch mit anderen Usern verbinden. Das Archiv wächst immer weiter und steht jedem User als Quelle für hunderte von Magazinen zur Verfügung. Verleger wiederum haben Einsicht auf Statistiken für ihr Magazin und können die Seite als Ausgabenarchiv nutzen.

Was ist denn der Vorteil gegenüber der Magazinsuche über z.B. Google?
Magpile ist ein Archiv, das man navigieren und durchsuchen kann – man findet schnell ein bestimmtes Magazin nach Namen oder Genre, aber auch ähnliche Angebote, zusätzlich zu denen, die man schon kennt. Innerhalb von wenigen Monaten kann man so hunderte von relevanten Magazinen finden, von denen man noch nie gehört hat. Google kann das nicht. Dazu kommen Social Features rund um das Thema Magazin.

Woher stammen die Mitglieder?
Die meisten sind aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten, aber auch aus Australien und Europa.

Sind die Medien schon auf Magpile aufmerksam geworden?
Magpile wurde bereits auf einigen größeren Blogs (magCulture, PBS MediaShift) erwähnt und auch in der ELLE (UK). Die meisten erfahren von Magpile über Soziale Netzwerke. Ich poste Updates über Twitter und Facebook – mehr mache ich nicht, um die Seite zu bewerben. Schön zu sehen, dass andere mir da helfen.

Magpile-Gründer Dan Rowden

Welche Art Magazine findet man denn hauptsächlich auf Magpile? Was denkst du, woran das liegt?
Die meisten sind Indie-Veröffentlichungen. Scheinbar wollen die User die kleineren Magazine herzeigen, die sie lesen. Das eigenständige Verlegen einer Zeitschrift ist allgemein auf dem Vormarsch und es ist toll, das zu unterstützen. Neben diesen kleinen Indie-Heften sind die größeren “coolen” Mainstream-Magazine dabei; Wired, Monocle, Bloomberg Businessweek, TIME, Vogue, Esquire etc. Die meisten Magazine sind der “Culture”-Rubrik zugeordnert, aber ich denke das ist auf dem Zeitschriftenmarkt generell auch so.

Findest du Printmagazine den digitalen überlegen? Und wenn ja, warum?
Ich finde es nie richtig angenehm ein Magazin digital zu lesen – der Bildschirm ist eine Begrenzung und auch das Format des Computers oder Tablets. Dagegen ist es sehr viel schöner, durch die Seiten zu blättern und das Papier zu fühlen. Es ist eine persönlichere Erfahrung und außerdem lässt man sich nicht so leicht ablenken wie beim digitalen Lesen – da kann man jederzeit auf “exit” drücken, um seine Mails zu checken oder ein Spiel zu spielen!

Was sind zur Zeit deine Lieblingsmagazine?
Ich abonniere Monocle, Wired (UK), Apartamento, Brownbook und Offscreen. Das sind im Moment meine Big Five. Aber ich liebe es auch, neue Magazine zu entdecken und zu lesen. Gerade die kleinen, unabhängigen. Ich mag auch The Green Soccer Journal, boneshaker und Dwell.

> Magpile
> English Interview

Das Interview führte Sven Job

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