Landluft

Zwei Jahre nach Landluft – das Wendland-Magazin aus dem Alte Haus Verlag erscheint nun Landluft – das Remstal-Magazin. Diesmal hat sich die Reportage-Agentur Zeitenspiegel der Huldigung einer Region angenommen, für deren Einordnung die meisten wohl erst einmal eine Deutschlandkarte benötigen (Baden-Württemberg, östlich von Stuttgart).

Objektivität wird schon im Editorial ausgeschlossen, schließlich liegt der Verlag selbst mitten im thematisierten Areal. So wird der Leser bereits auf der ersten Seite schwärmerisch auf ein “Paradies” eingestimmt. Ein “Landstrich zum Niederknien” sei das Remstal, “Deutschlands schönste Landschaft”. Landluft als modernes, gut gemachtes Fanzine. Warum auch nicht? Von Fans für Fans.

Das gesamte Magazin steckt im Grunde genommen voller Triumphe, verpackt in persönliche Reportagen und Porträts aus der Region. Erfolgreiche Unternehmer,  erfolgreiche Schulen, erfolgreiches Handwerk. Es scheint nichts zu geben, was im Remstal nicht gelingen kann. Vorausetzung dafür ist natürlich die Beherzigung ländlicher Tugenden wie Fleiß, Disziplin und Loyalität. Bebildert werden die Berichte mit Aufnahmen von urigen Gaststuben, prächtigen Wassermühlen und satten Landschaftspanoramen. Die Menschen auf den Fotos lachen und präsentieren stolz ihre Errungenschaften in Form von Salzkuchen, Weinreben und modernen Fabrikanlagen. Auf jeder Seite scheint es zu zischen, zu dampfen und zu pulsieren. Eigentlich müsste dieses Magazin aus Fichtenholz geschnitzt sein. Denken japanische Touristen an Deutschland, dann denken sie vielleicht an das Remstal.

Warum soll ich das lesen?
Landluft ermöglicht dir nach Flatrate-Saufen und Cybersex das dringend benötigte Refugium.

Risiken und Nebenwirkungen
Du gerätst ein bisschen zu sehr ins Träumen und kriegst nicht mit, wie dir jemand das Smartphone aus dem Jutebeutel klaut. Verdammte Stadt!

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Florian Tomaszewski

TISSUE

Es ist die Szene, die ein düsteres Stück Fernsehunterhaltung einleitet und in diesem Moment definieren sollte: Ein Mädchen wird an die Küste eines beschaulichen Städtchens gespült. Es ist in einen Totensack gehüllt, sein Lächeln kalt, die Haut schneeweiß. Es ist schon eine Weile tot. Das Mädchen ist Laura Palmer. So beginnt eine der bedeutungsvollsten und einflussreichsten Fernsehserien der Neunziger Jahre. Es ist Zeit für Twin Peaks. Auf dem Cover der DVD-Fassung ist die Homecoming Queen zu sehen – lebendig und im Porträt, eingefasst in blau. Ein Leben zwischen Vergehen und Schönheit, Kunst und Inszenierung. Die erste Ausgabe von TISSUE erinnert sehr stark daran, in jeder Hinsicht.

Unten ohne, oben ohne, im Käfig oder im Schnee

TISSUE ist ein Kunstmagazin. Die Betonung liegt eindeutig auf den schönsten Dingen: Fotografie und Sex. Dabei lassen seine Macher Uwe Jens Bermeitinger und Hans Bussert, die davor schon das NUDE Magazin herausgebracht haben, kaum ein Detail aus. Das darf man wörtlich verstehen – das Poster zum ersten Heft etwa zeigt verschwommen eine Frau von unten, nackt. Das zweite einen aufgedunsenen Arsch. Alles ist Kunst, und Kunst ist vielleicht auch alles: Das mag das Motto von TISSUE sein. So gibt es eigentlich keine Barrieren in diesem Heft voller Fotostrecken: körnige Aufnahmen, nackte Körper in Schneelandschaften und Wohnzimmern. Wo die Bilderstrecken die erste Ausgabe noch dominieren, öffnet sich das Folgeheft mehr auch Textbeiträgen, die der optischen Komponente gelegentlich einen nötigen Subtext verleihen. Oder einfach nur nett zu lesen sind, wie die Erzählung über einen großen Pornostar der Siebziger Jahre (“Vanessa the Undresser”), der ein Mädchen schon von klein auf begeistert hat. Das ist TISSUE: Kunst für den Kunststudenten, interessant für alle anderen. Na zumindest für den ein oder anderen.

Warum soll ich das lesen?
Ein bisschen Schmutz soll auch Deinen Alltag in neuen Glanz tauchen. Kunstführer hin, Kleenex her.

Risiken und Nebenwirkungen
Du hängst die beigelegten Poster in Deiner Wohnung auf. Nicht jeder ist davon so begeistert wie Du.

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Sven Job

The Weekender

Früher, ach früher, ja schon viel früher hätten wir auf dieses Magazin aufmerksam werden können! Nun ist das kleine wie feine Team um Herausgeber Dirk Mönkemöller und Christian Schneider an der Spitze der Blattmacher angekommen – bei den LeadAwards sind sie als “Newcomermagazin des Jahres” mit Gold ausgezeichnet worden. Ausgabe sechs liegt in unseren Händen, zart und geerdet. Warum also erst jetzt darüber sprechen? Der Gentleman genießt und schweigt. Für die Leserschaft von The Weekender mag das Gleiche gelten. Oder?

Zwischen Wolkendecke und Bücherregal, von Chandigarh bis an den Bodensee

Ein “Magazin für Einblicke und Ausflüge” will The Weekender sein für, das kann man sich denken, das Wochenende. Für Macher, junge Menschen und Junggebliebene. Das Heft aus Köln geht wohltuend entspannt an die Sache Journalismus ran, ist dabei aber nicht beliebig – allein schon, weil sich die Themenbreite dafür zu weit gefächert präsentiert. So ist die Titelgeschichte in der aktuellen Ausgabe eine über einen deutschen Schnapsbrenner und sein Schicksal, das ihn vom hektischen Frankfurt an den friedlichen Bodensee geführt hat; gleichzeitig ist es eine Geschichte von Gin und Obstlikören. Ein Feature stellt ein kleines Geschäft vor, das “bewährte Alltagsgegenstände” anbietet und sich damit bestens ins Kölner In-Viertel Ehrenfeld einfügt. Ein Interview befasst sich mit der “Cloud Appreciation Society”, zeigt in hübschen Bildern die so diversen Erscheinungsformen von Wolken – und erklärt sogleich, warum wir alle öfter den Blick gen Himmel richten sollten. Und weit bodenständiger führt eine Reportage in eine indische Retortenstadt, die einst Architektenlegende Le Corbusier konzipiert hat – mit all ihren Vor- und Nachteilen, die ihre Bewohner heute genießen dürfen. Die Artikel sind umrahmt von eleganten Fotografien in Großformat – stimmig und schön anzusehen.

Damit empfiehlt sich The Weekender als Companion für all jene, die weder Kaufempfehlungen noch Lebensoptimierung in einem Heft suchen – aber irgendwie doch Lifestyle. Lebensstil der alternativen Sorte: Leben auf dem Land, selber kochen, aus alten Dingen schöne Dinge machen, mal wieder ein gutes Buch lesen. The Weekender hilft ein bisschen. Für jene, die wollen. Das Heft liegt gut auf einem Holztisch.

Warum soll ich das lesen?
The Weekender verbindet Arbeit mit Hobbies, Selbstbestimmung mit Entspannung. So wollen wir doch alle leben. Hier ist das Heft dazu.

Risiken und Nebenwirkungen
Du entspannst Dich ein bisschen zu sehr. Das moderne Leben frisst Dich mit Haut und Haaren.

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Sven Job

Jungsheft

Ein Heft voller Schwänze. Lässig aus der Hose hängend oder stolz in die Luft gestreckt wie ein Säbel. Schlüpfer runter und in Siegerpose. Das Jungsheft zeigt nackige Typen von nebenan und muss von Gesetz wegen doch als Pornomagazin bezeichnet werden. “Es gibt eine gesetzliche Regel, die besagt, dass eine Erektion über 45 Grad  harte Pornografie ist”, klärt uns Magazinmacherin Nicole Rüdiger auf. Aha! Haben wir also auch noch was gelernt und kramen gleich mal unser Geodreieck aus der Schublade. Pornografie ist also messbar.

Boy Next Door

Rüdiger bringt das Heft gemeinsam mit Elke Kuhlen seit 2005 heraus und ist mit dem “Pornografie”-Begriff gar nicht glücklich. Schließlich zeige man Erektionen und keine Interaktion. “Eine Bezeichnung wie Ü20-Bravo wäre mir lieber”, so Rüdiger. In der Tat ist das Jungsheft meilenweit von dem entfernt, was sonst so unter dem Label “Porn” im Heftregal oder unter der Ladentheke liegt. Ein entspannter Umgang mit Sexualität bestimmt das Magazin. Statt eines grotesken Photoshop-Kabinetts oder anatomischer Rätsel präsentiert es lieber die Jungs aus Deiner Nachbarschaft. Die Schönheit der Bilder bestimmt kein abstraktes Ideal, der Leser selbst bewirbt sich und produziert auch häufig die abgedruckten Fotos in Eigenregie. “Schön kann jeder sein”, bekräftigt Nicole Rüdiger gegenüber uns den Gedanken hinter dem Jungsheft.

Reportagen, Interviews und einige Shopping-Tipps werten das DIN A5 große Heft zusätzlich auf. Übrigens bringen Rüdiger und Kuhlen neben dem Jungsheft auch das Giddyheft im Selbstverlag heraus. Also ein Magazin voll nackter Mädels. Warum wir nicht lieber das besprechen, fragst Du Dich, lieber (männlicher?) Leser? Weil wir ein Magazin voller Ständer einfach interessanter fanden.

Warum soll ich das lesen?
Weil das Normale immer noch am schönsten ist.

Risiken und Nebenwirkungen
Penisneid oder Größenwahn. Je nachdem…

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Thorsten Bruhn

Geek!

Grade einmal acht Monate ist es her, dass der Heel-Verlag sein Genre-Magazin SpaceView eingestellt hat, da veröffentlicht der Panini-Verlag das nahezu identische Geek!. Die Übernahme der ehemaligen SpaceView-Chefredakteure Markus Rohnde und Claudia Kern ist da nur konsequent. Oder bequem?

“Wusstet ihr, dass…?”

Der bevorstehende Start des Alien-Prequel “Prometheus” ist ein dankbares Thema für die erste Ausgabe eines Science-Fiction-Magazins und so füllt das Thema auch die ersten 30 Seiten des Heftes. Neben einem Interview mit Regisseur Ridley Scott erfährt der Leser alles, was er über das Alien-Universum wissen muss, um mit Fun-Facts beim nächsten DVD-Abend beeindrucken zu können. “Wusstet ihr, dass man für das Alien-Ei die echte innere Magenschleimhaut einer Kuh verwendet hat?” Echtes Geek-Wissen eben.

Neben Filmen arbeitet sich das Magazin an Serien, Comics, Büchern und Games ab und wirkt dabei auch völlig überfrachtet. Auf jeder Seite gibt es mehrere Info-Fenster sowie Fotos in jeglicher Größe und wilder Verteilung. Man sollte dabei wohl berücksichtigen, dass Geek! keine tiefgehende Auseinandersetzung mit der Nerd-Kultur betreibt, wie es beispielsweise WIRED tut. Die Zielgruppe dürfte eine deutlich jüngere sein, wobei ein Preis von 6,90 € pro Ausgabe doch recht hoch erscheint. Schließlich will auch der achte Kino-Besuch von “Prometheus” bezahlt werden.

Warum soll ich das lesen?
Du hast mal gehört, dass Geeks und Nerds jetzt cool sind. Hier ist Dein Heft!

Risiken und Nebenwirkungen
In Deinem Ort ist das noch nicht angekommen und im Schulbus musst Du alleine sitzen, sobald Du Geek! liest. Grausame Welt!

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Florian Tomaszewski

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